Upul’s Sutta  Columne 10 (Rundbrief 2 u. 3, 2007)

UPUL 10

Der Handgriff des Fächers

(ein Versuch über die ursprüngliche Lehre des Siddhartha Gautama)

 

Die Erleuchtungserfahrung Gautamas war von solch ungeheurer Tiefe und unaussprechbarer Komplexität, sodass er ursprünglich auf ihre Weitergabe verzichten wollte. Was genau er ursprünglich gelehrt hat, entzieht sich eigentlich unserer Kenntnis und ist immer ein Konstrukt späterer Autoren. Vermutlich ist er von seinen Hörern nicht, oder in sehr unterschiedlicher Weise verstanden worden. Was mit Sicherheit aus den ältesten Texten abzulesen ist, ist die sog. „gestufte Belehrung“, die immer dem jeweiligen Gegenüber angemessen ist.

 

 So kann man fünf Stufen der Belehrung rekonstruieren: so sprach er zuerst über das Geben, die Bedeutung des Teilens, den Nächsten an dem beteiligen, was ich selbst besitze – denn Geben ist eine Quelle der Freude und Neid vernichtet die Seele. Als Zweites sprach er über den rechten Wandel – die Sittenregel, vor allem über das Einhalten der goldenen Regel jeglichem Leben gegenüber (M 51, Kandaraka). Dann sprach er seiner Zeit gemäß über das glückliche Leben in höheren Welten und dann darüber, wie herabziehend sinnliche Freuden sind und wie es der Leidbefreiung dient, wenn man sie loslassen kann. Fand er die Zuhörer verständig, sprach er über die vier heiligen Wahrheiten. Diese Stufung hat dazu geführt, dass man seine Lehre als Lebenslehre, Lebensphilosophie bezeichnet hat und dabei übersah, dass sie vom Geschmack der Erlösung vom Leiden durchzogen ist. In D 29 steht: „Ich weise euch eine Lehre auf, um sowohl in diesem Leben alles Schmerzliche fernzuhalten, als auch künftig hin alle Verletzbarkeit aufzuheben.“

Erinnern wir uns an dieser Stelle auch an die Quellen, aus denen Gautama geschöpft hat, zum Teil früheres übernehmend (Reinkarnation, Ursache und Wirkung, Karma) und früheren widersprechend (Anatman, bedingtes Entstehen).

Siddharta Gautama und seine Lehre erwuchsen aus einem Kulturkreis, in dem zwei große Ströme wahrzunehmen sind: die drawidische Kultur der Urbevölkerung (dunkelhäutig) und der brahmanischen Kultur der arischen Einwanderer (hellhäutig). Die drawidische Kultur war geprägt von Animismus, Schamanismus und volksreligiösem Götterglauben – zum anderen liegen aber hier auch die Wurzeln von Samkhya und Yoga vor. Samkhya – ein beinahe naturwissenschaftliches System einer theoretischen Auslegung der menschlichen Natur, dass deren Elemente aufzählt und definiert. Yoga befasst sich mit der Dynamik des Ablösungsprozesses und gibt zahlreiche Techniken zur Erlangung der Befreiung an. Aber schon in der Baghavadgita steht: „Der sieht das Wahre, der die geistige Einstellung auf das aufzählende Wissen und die konzentrativen Übungen als eines sieht.“ Diese Grundideen sind wie gesagt vorarisch und uralt – sie haben das indische Denken bis in die Neuzeit hinein stark geprägt. Das Problem des Menschen wird hier darin gesehen, dass er seine eigene, ewig bestehende, immer währende Freiheit ob seines wirren, unwissenden und abgelenkten Geistes nicht erkennt. Samkhya und Yoga behandeln das Problem der Erlösung vom psychologischen Standpunkt her: nicht die Welt (oder die anderen) sind zu bekämpfen, sondern die eigene Unwissenheit.

Nur durch Ablösung und Wendung der Aufmerksamkeit nach innen, durch konsequente yogische Schulung findet man den unerschütterlichen Wesensgrund, kann ihn befreien und ins Bewusstsein heben. Auch in der Lehre des Buddha finden wir vier Charakterzüge des Samkhya – Yoga.

 

1.                        Alles Leben ist notwendigerweise Leiden

2.                        Theismus und Tieropfer werden abgelehnt

3.                        Schädigendes Asketentum wird verworfen

4.                        Die Welt ist ein ständig Werdendes und nicht ein statisch Seiendes

 

Die andere Tradition ist die des Brahmanismus, wir wollen hier nur einige Grundzüge herausgreifen. Die Arier (die Gastfreundlichen) luden die Götter durch ihr Opfer zum Herabkommen ein. In späterer Zeit wandelte sich die Bedeutung des Opfers: es wurde nicht mehr als Einladung verstanden; es ging darum, die in der Welt erkannten Wirkmächte zu beeinflussen, um sie selbstmächtig lenken zu können. Schlussendlich blieben zwei Prinzipien übrig: das Brahman als belebende Kraft aller Dinge und der Atman, der Herr der Atemkräfte und der Lebensfunktionen. Brahman – Atman verschmolzen später zu einer unlösbaren Einheit.

Das Ziel des nach Erlösung strebenden war, mit yogischen Methoden die Unio Mystica mit dieser kosmischen Einheit zu erlangen. Aus der Sphäre des Opfers kommt aber auch eine andere Macht: das heilige, weltbeherrschende Wort. „Die Wahrheit im Wort ist Brahman“. Brahman – Atman ist das Ich, aber auch die Welt. In dieser Alleinheit ist die Dualität aufgehoben. Sie ist die einigende Fülle aller Kräfte, in der sich das persönliche Leben vollendet. Mit diesem Gedanken verbunden ist die Allmacht des Opferpriesters. Er verfügt über das heilige Wort, das nur er richtig und wirkmächtig aussprechen kann. Das ist eine wichtige Vorarbeit, die die brahmanische Spekulation vollbracht hat: sie hat die Bedeutung der Gottheit schrittweise zurückgedrängt, sodass im großen Werk der Erlösung der Mensch alleine zurückbleibt, der in seinem Inneren die Kraft hat, sich von der Welt, der Stätte des Leidens zu befreien.

Gautama hatte zweifellos Kenntnis von vier geistigen Hauptströmungen seiner Zeit: den Aupanischadas mit ihrer Lehre von der Wiedergeburt, Karma und dem einigenden Prinzip von Brahman – Atman. Die Frage nach dem Atman hebt Gautama dadurch auf, dass er weder seine Existenz bestreitet noch bestätigt. Er löst ihn, den Weg der Mitte einhaltend einfach auf.

 

1.                        So gibt es keinerlei Ewiges, keinen Eternalismus.

2.                        Die Materialisten, die sagten: „Wenn der Körper verbrannt ist, ist endgültig alles vorbei. Der Mensch und seine psychischen Aktivitäten ergeben sich aus den Kombinationen der Elemente. Dieses Denken führt zum Nihilismus, ist aber in seiner Metaphysik – Kritik sehr wichtig. Gautama nimmt die Metaphysik – Kritik auf, bleibt aber in seiner Ablehnung des Nihilismus auf dem Weg der Mitte.

3.                        Die Asketen: diese wollen durch oft extrem selbstquälerische Praxis „Tapas“, psychische Energie anhäufen, um entweder in den Götterbereich oder zur Unia Mystica zu gelangen. Auch hier bringt die Erfahrung des Gautama auf den Weg der Mitte. Die Höherentwicklung behindern das Wohlleben, aber auch keine körperzerstörende Askese.

4.                        Die Samanas oder Wandermendikanten (man könnte sagen: Sophisten) mit unterschiedlicher Bildung und Interessen. Ihr Hauptmerkmal sehe ich in ihrer Experimentierfreudigkeit und dem Erproben von neuen Ideen. Gautama hat möglicherweise etwas von der Kühnheit und Offenheit der samanischen Gruppe mitgenommen, aber auch hier hält er den Weg der Mitte: weder chaotisches Denken noch starre Dogmatik. Vor diesem metaphysisch – spekulativen Hintergrund hebt sich die Lehre Gautamas scharf ab. Er baut kein neues, metaphysisches Gebäude auf, er bleibt auf dem Boden seiner eigenen (von jedem Menschen nachvollziehbaren!) Erfahrung. Er geht more medico vor.

 

Er erstellt eine kühle Diagnose: da ist das Leiden und eben wie ein Arzt stellt er fest: dass ist die Ursache, Heilung ist möglich und hier ist das Medikament, der Weg, der zu Befreiung vom Leiden führt.

Wie immer die Lehre später aufgefächert ist: sie bleibt vom Geschmack der Erlösung durchdrungen. Die Grundzüge lassen sich in vier Punkten darstellen:

 

1.                        Die Weltanalyse: jedes Erleben von EK – sistenz (sich selbst vom Universum getrennt erleben) ist Dukkha (unvollkommen, unbefriedigend, leidvoll).

2.                        Alle fühlenden Wesen sind dem Geburtenkreislauf unterworfen (impliziert das Gesetz von Ursache und Wirkung, die Karmaidee, den ethischen Konditionismus)

3.                        Erlösung aus dem Kreislauf ist möglich. Es gibt einen leidfreien Bereich, der unter dem Begriff Nirwana bekannt ist. Insofern ist die Lehre von Anbeginn an nicht nur Lebenslehre, sondern auch Soteriologie.

4.                        Die Wiedergeburt vollzieht sich ohne Seelenwanderung (kein Atman). Es gibt keine ewige, unveränderliche, von der Totalität des Universums abhängige Seele.

5.                        Alles, was existiert, ist ein Prozess ohne beständige Substanz: ein ständiges Werden und Vergehen. Damit verbunden ist die Lehre vom bedingten Entstehen (D 15, Maha Nidana – Sutta) Alles, was existiert bedarf für sein Erscheinen keine Stütze von außen. Keine ewige Substanz, kein Schöpfergott) Alles bedingt sich gegenseitig.

 

Das Neue an dieser Lehre ist:

 

1.                          Die Metaphysik – Kritik. Sie stützt sich auf die sinnenhafte Erfahrung (Berührung, Empfindung)

2.                          Die Lehre vom Anatman, die Ablehnung des Eternalismus.

3.                          Die Lehre von der realen, konkreten, aber restlos vergänglichen Existenz der Dinge (Ablehnung des Nihilismus der Materialisten). Alles ist, es ist aber ein Geschehen ohne ewige Substanz, der Weg der Mitte.

4.                          Die Nutzung philosophischer Reflexion zur Klärung und Systematisierung der meditativen Erfahrungen. Wir werden im späteren Verlauf noch darauf zurückkommen, das Meditation alleine nicht genügt; es bedarf der Kontemplation, die sich sowohl auf Kenntnis der Sutten als auch der vertieften Selbsterforschung bedient. Nicht weniger wichtig ist die Verankerung in den Silas.

 

Die Dharmatheorien werden hier nicht erörtert, weil sie in der frühbuddhistischen Lehre weder systematisiert noch kanonisiert sind.

 

Erinnern wir uns an die eigentlichen Lehren des Gautama:

Zunächst die vier heiligen Wahrheiten:

 

1.                        Heilige Wahrheit: Die Wahrheit vom Leiden, die wir genau formuliert in M 141, Erklärung der Wahrheit finden: die Wahrheit vom Übel, vom Ursprung des Übels, vom Ende des Übels und vom Weg, der zum Ende des Übels führt. (Wohlbefinden gibt es bei Gautama natürlich auch!) In M 101 Devadaha steht: „Rechtmäßiges Wohlbefinden ist nicht zurückzuweisen; man darf sich aber davon nicht betören lassen.“

Es werden in der Folge mehrere Kontemplationen angeregt, wobei Kontemplation zu verstehen ist als ein Nachdenken, in dem andere und tiefere Schichten der Seele aufgerufen werden als beim gewöhnlichen Denken. Kontemplation heißt, Inhalte so in sich aufzunehmen, dass sie als Leben in den organischen, unbewussten Lebensprozess der Seele eingehen, dass sie in die tiefste Tiefe der Seele dringen und sie so durchdringen, dass diese Inhalte als ein unmittelbar wirkliches in uns eingehen und ein Stück unserer Seele werden.

 

     I. Kontemplation:

 

Bedenke, wie du, abgesehen vom Unvermeidlichen wie Krankheit, Tod dir selbst und anderen Leid zufügst. Hast du ein Empfunden dafür, das menschliche Existenz etwas ist, das aktiv ständig vervollkommnet werden kann. Es werden fünf tägliche Kontemplationen empfohlen. Ich bin dem Altern unterworfen, kann ihm nicht entgehen, ebenso der Krankheit, dem Tod. Ich bin der Erbe meines Karmas und schaffe ständig neues. Die Trennung vom Liebgewordenen ist ebenso unausweichlich. Bedenke aber auch, ich bin als Mensch geboren. In welch glückliches Lage bin ich daher, weil ich in ausreichender Gesundheit und mit guten, geistigen Fähigkeiten mich um mein höheres Wohl bemühen kann.

 

            1. Heilige Wahrheit: Die Entstehung des Leidens: „Dies ist der Durst nach Sein, der Durst nach Nichtsein, ein ständiges Haben wollen und Ablehnung. Gier und Hass sind unlösbar mit der Unwissenheit, dem Ich – Wahn verbunden (M 14, „Anhäufung von Übeln“)

 

     II. Kontemplation:

 

2. Heilige Wahrheit: Betrachte tief deine Leidenschaften, das Anhaften an Gewohnheiten, die Sinnengier, den Zorn, den Hass, wie und wann sie entstehen, wie du sie zum Bleiben bringst und wie sie vergehen. Betrachte so auch alle anderen Gefühle.

 

3. Heilige Wahrheit: Von der Aufhebung (M 141, Die Darlegung der Wahrheiten)

Es ist möglich, den Durst zum Versiegen zu bringen. Gelingt dies, eröffnet sich der Bereich des Ungeborenen, Unentstandenen, Maha Sukkha, das hohe Glück des Nibbana. Es wird auch als das Trieblose, das Unverwelkliche, das Stille, das Todlose, das hohe Glück des Friedens und der Geborgenheit, das andere Ufer und das höchste Wohl bezeichnet. In jedem Fall ist es leer von allem, was wir kennen. Betont wird auch die endgültige, völlige Wunschlosigkeit, weil es keinen Mangel mehr gibt.

 

      III. Kontemplation:

 

Bedenke, dass das Ich und alle Daseinsfaktoren leer sind von inhärenter Substanz (also ohne unabhängiges, ewiges Sein) und nur existent im sich gegenseitigen Bedingen in unlösbarer Verbindung mit dem ganzen Universum. Alle Daseinsfaktoren sind bei tiefer Betrachtung formlos und unterschiedslos. Als letztes bedenke, das jegliches Wünschen neue, oft leidvolle Folgen hat. Beginne zu verstehen, das Loslassen ein Weg zur Befreiung von Dukkha ist. Die daseinsdurchdringenden Prinzipien anicca (Vergänglichkeit), anatta (Selbstlosigkeit) und dukkha (Unvollkommenheit, Leiden) können recht kontempliert Wege zur Befreiung werden. Wichtig ist vor allem Verständnis von anatta: Unser Ich – bin Empfinden und die Ich – bin – Überzeugung führen dazu, dass wir den Gefühlen, dem Denken usw. ein Gedankenkonstrukt hinzufügen: ein Ich, das letztlich ohne beständigen Kern bzw. Eigenständigkeit ist. Dies aufgezeigt zu haben unterscheidet die Lehre des Buddha von allen anderen Religionen. Schlussendlich kann diese Betrachtung zur Leerheitsmeditation führen. Alle falschen Ansichten loslassen und Leerheit als nichtseiendes, aber existenzermöglichendes erfahren. Sie hilft von dem Anhaften ans Ego loszukommen und den Augenblick des unmittelbaren Erlebens in seiner Vergänglichkeit als unendlich kostbar zu fassen.

 

4. Heilige Wahrheit: Magga, der achtfache Pfad:

Rechte Einsicht

Rechter Entschluss

Rechte Rede

Rechte Lebensführung

Rechter Lebenserwerb

Rechte Anstrengung

Rechte Achtsamkeit

Rechte Versenkung

Rechte Anschauung (M 117, Die großen 40): Die vollkommene, rechte Anschauung besteht darin, dass man Karma und Wiedergeburt versteht und das allumfassende Ausmaß des Leidens begriffen hat und weiß, wo der Ausweg zu finden ist. Dazu ist es notwendig, gründliches Nachdenken (yoniso – manasikhara) zu üben, die Lehre hören, sie überdenken und die eigenen Innenvorgänge genau betrachten.

Wichtig ist seine Gliederung in die Dreieinheit von ethischem Verhalten, Vertiefung und Weisheit. Wesentlich ist die rechte Einsicht, das intuitive Erfassen von dukkha. Sonst bist du nicht bereit, weitere Schritte auf dem Pfad auf dich zu nehmen. Erkenne ich Unvollkommenheit und Leidhafigkeit, dann kann ich den rechten Entschluss fassen und Schritte der Entsagung, zum Wohlwollen, zur Nichtschädigung meiner Selbst und aller Wesen zu gehen.

 

     IV. Kontemplation:

 

Der rechte Entschluss ist nicht unbedingt eine Einladung, dem Mönch (die Nonne) in uns voll auszuleben. Der Buddhadharma ist die Kunst des Möglichen: welche Gewohnheiten, Vorurteile und anderer Anhaftungen kannst du dich jetzt entschlagen. Schon der kleinste, erste Schritt, getragen von der Erkenntnis, wie die Dinge wirklich sind, wird dein Leben positiv verändern. Was von all dem, das dir wirklichkeitsgemäß betrachtet schadet, kannst du jetzt loslassen (du brauchst nicht hart mit dir umgehen, sei aber konsequent) und – was kann ich sonst tun, um die Sichtweise, die mein Leben bis jetzt bestimmt hat zu klären, gegebenenfalls zu ändern?

 

3. Die rechte Rede: (M 19, Einteilung der Gedanken)

 

      V.    Kontemplation:

 

Reden folgt dem Denken, also beobachte dein Denken „Woran der Mensch häufig denkt und sinnt, dahin wendet sich das Herz.“ Vielleicht ist dies der Satz, der dich veranlasst, dein Karma zum Positiven zu lenken. Achte sorgfältig auf deinen inneren Dialog, wie gehst du im inneren Gespräch mit dir selbst und wie im äußeren Gespräch mit anderen um?

 

4. Die rechte Lebensführung:

Nicht töten, nicht Gegebenes nicht nehmen, nicht lügen, kein sexuelles Fehlverhalten, keine das Bewusstsein trübenden Mittel zu sich nehmen. Bei tiefer Betrachtung der silas sei dir bewusst, dass du sagst: aus eigener Erkenntnis will ich abstehen vom töten usw. Du bist völlig frei in deiner Entscheidung, erfüllst keines Gottes Gebot und bist weder seiner Gnade noch seiner Strafe ausgesetzt. Du handelst aber in Kenntnis des Gesetztes von Ursache und Wirkung und weißt, das schon die Tatabsicht karmische Wirkungen haben kann. Selbstverantwortung ist angesagt, allerdings ohne falsches Autonomiedenken.

 

5. Rechter Lebenserwerb:

Es geht um die Frage, wie weit ist es möglich, Lebenserwerb so zu gestalten, dass kein Leben zerstört oder auch nur in seiner Entfaltung nennenswert behindert wird. Zum Beispiel: wie weit sind Zulieferer schon „am Töten“ beteiligt. Zum anderen geht es um die Ausbeutung von Arbeitskraft.

 

VI.    Kontemplation:

 

 Kann es in deinem Beruf geschehen, dass andere geschädigt, ausgebeutet oder sonst missbraucht werden (direkt oder indirekt). Dies betrifft auch Formen des Wettbewerbs, der Werbung, Preisgestaltung und anderes mehr. Zu diesem Punkt gehört auch die Frage, ob du Freunde hast, die dich zum heilsamen Tun bringen oder zu sinnlosem Zeitvertreib oder gar schädlichem Tun.

 

6. Die rechte Anstrengung:

Hier geht es um die Überprüfung und Änderung der Geistesinhalte, sowie die Beobachtung aller seelischen Regungen und schließlich um die Beruhigung der seelischen Regungen: das Denken so erziehen, dass das positive Potential des Geistes gefestigt wird. Die rechte Anstrengung wird auch als „die vier großen Kämpfe“ bezeichnet (M 78). Es geht darum, heilsames zu fördern und unheilsames zu lassen bzw. zu unterdrücken (M 78, Samanandika S.)

 

VII. Kontemplation:

Beobachte über einen, von dir bestimmten Zeitraum, ob vorwiegend heilsame (konstruktive, positive) Gedanken und Bilder in dir aufsteigen oder unheilsame (negative, destruktive). Meditierst du, trachte die fünf Hindernisse zu erkennen und abzustellen (Gier, Hass, Aufgeregtheit, Schlappheit und Zweifel). Auch hier ist konsequentes Verhalten gefordert.

 

7. Rechte Achtsamkeit:

Geht es um rechte Achtsamkeit, wird meist das Satipattana Sutta zitiert: dieses ist aber vor allem für Mönche und Nonnen gegeben worden. Für Laien empfiehlt sich vor allem M 61 und M 62 (Rahulas Belehrung) „Weißt du, Rahula, wozu man einen Spiegel braucht“... „um sich zu betrachten“ „Während du dabei bist, etwas zu tun, zu reden oder zu denken, musst du dich so betrachten: schadet das, was ich tue oder rede oder denke, mir oder einem anderen oder beiden. Wenn es so ist, halte dich zurück, so zu handeln“ Alle Samanas und Brahmanen, die ihr Tun, in Werken, Worten und Gedanken rein hielten, haben dies erreicht, in dem sie sich immer wieder betrachteten. Die Achtsamkeitsübung selbst wird in M 10 einer Kurzform des Satipatthana Sutta gegeben. Es geht um die vier Arten der Achtsamkeit auf den Körper, die Gefühle, die Gedanken und die Gegenstände der Lehre. Es soll nicht unerwähnt bleiben, das Satiphattana – Übungen wenig Sinn haben, wenn nicht gründliche Lehrkenntnis und die eigene Gedanken- und Gemütsschulung vorhanden sind. Die Praxis des achtfachen Pfades besteht eben in der Dreieinheit von Sila, samadhi und panna. Meditative Techniken alleine, ohne Lehrkenntnis und ethische Grundhaltung werden nicht weiterführen.

 

8. Rechte Versenkung:

Samadhi, auch Herzenseinigung genannt (M 13) Sie wird erst möglich, wenn die fünf Hemmungen aufgehoben sind (Begehren, Zorn, Trägheit, Ungeduld und Unruhe (Daseinssorgen)). Die Welt entrückt in Zustände, die hier erreicht werden sind Zustände „der Entzückung und Seeligkeit“ in vier voneinander unterschiedenen Graden weltloser Entrückung. (M 52, Atthakanagara Sutta) Die Versenkungen sind von intensiven Gefühlen des Wohlseins begleitet, vermitteln aber auch gesteigertes Bewusstsein und veränderte, verfeinerte Wahrnehmung.

Die vier Stufen der Versenkung können ohne Lehrer und längere vertiefte Praxis nicht geübt werden. Zumindest die erste Stufe sollte erreicht sein, um einen Durchbruch zu erzielen. Sie sind aber für das Erreichen der Befreiung nicht unabdingbar notwendig. (Wird in der Nidana Samyutta erklärt)

 

VIII. Kontemplation:

Als VIII. Kontemplation würde ich daher folgendes empfehlen:

a)                                                Vertiefe dich in die Person des Siddhartha Gautama, des Menschen Buddha. Ist dir sein Lebensweg bekannt, trachte immer wieder, ein Stück mit ihm zu gehen, seine Jugend, die Hauslosigkeit, die Askese und schlussendlich die Befreiung nachzuvollziehen. Kennst du ihn noch nicht – es gibt viel Literatur darüber.

b)                                                Hast du schon gewisse Kenntnis vom dharma, was ist dir bisher daran wichtig geworden?

c)                                                Bedenke die Bedeutung des sangha, der Gemeinschaft der Praktizierenden. Sie gibt dem Dharma und dem Buddha wesensmäßige Bedeutung. Sie unterstützt und verstärkt deine Meditation. Wenn es eine funktionierende Sangha ist, ist sie eine Dana – Sangha: ein stetes, ruhiges Geben und Nehmen. Gehörst du schon einer Sangha an?

Der hier in seinem Umriss dargestellte Frühbuddhismus ist aus dem Erkenntniserleben eines Mannes entstanden und ist ein, in sich fein abgestimmtes System, aus dem man keine Teile herauslösen kann.

Ganz gleich, an welcher Stelle man in dieses System von Ethik, Meditation und Wissen eintritt – man merkt rasch, das immer das Ganze in jedem Teil enthalten ist. Die deutlichsten Veränderungen dieser Lehre dürften nach dem 2. Konzil eingetreten sein, mit den Lehren Mahadevas und seinen Mahasanghikas. Der Arhat verliert an Bedeutung, die Erlösung aus eigener Kraft wird in Frage gestellt, der irdische Buddha ist eine Manifestation eines transzendenten, überzeitlichen Prinzips. Von hier an entwickelt sich das Mahayana, das große Fahrzeug, das alle, auch die ethisch schwachen und geistig nicht so elitär Begabten zur Erlösung bringen kann. Die Gestalt des Arhat wird durch die, des Boddhisatva ersetzt, der seine Erlösung hintanstellt, weil er vorher alle fühlenden Wesen zur Befreiung führen will. Hier kannst du wählen: aktiv selbst Boddhisattva wählen oder den passiven Weg nehmen, den Boddhisatva als Erlösungshelfer anrufen und durch Verdienstübertragung befreit werden. Der pluralistische Realismus des kleinen Fahrzeugs wird durch den idealistischen Monismus abgelöst.

Aus den Kernen der Lehre entfaltet sich ein großartiger Fächer an unterschiedlichen Formen, meditative Praxis und philosophische Reflexion. Darüber soll ein ander Mal nachgedacht werden. Gautama Shakyamuni selbst hat auf die Ausformung einer dogmatisch zu verstehenden Theorie verzichtet, wenn auch gelegentlich mit scharfen Worten irrtümliche Annahmen über die Grundlagen seiner Lehre korrigiert wird (z.B.: den Irrtum des Mönches Sati in M 38, Vernichtung des Durstes) Dieser, sein Verzicht (eigentlich ein Freiheitsdekret!) hat im Mahayana zum Aufblühen zahlreicher, mehr oder weniger unabhängiger Denkschulen geführt, was letztlich den Metaphysikverzicht Shakyamunis fallen ließ. Gautama möchte uns befreien:

-                                                   Von der Angst des Geschöpfes (die Todlosigkeit aufgrund des bedingten Entstehens und der Leerheitsphilosophie).

-                                                   Er befreit uns von Gott und seinen Vertretern auf Erden.

-                                                   Er befreit vom Opfern, Dienen und Unterwerfung.

-                                                   Von den Grenzen eines statischen, ewigen Ich.

-                                                   Von einseitigen Verabsolutierungen (Eternalismus und Nihilismus)

-                                                   Er schenkt uns das Wunder des mittleren Pfades, die unlösliche Verwobenheit im universalen Beziehungsnetz.

-                                                   Er befreit von einer idealisierten, unrealistisch autonomen Menschlichkeit von einer durchprogrammierten Gesellschaft

-                                                   Von allen inneren und äußeren Zwängen (von den „Trieben“ und den „Dingen“)

 

Es geht ihm um die radikale Ausrottung des Leidens durch Aufhebung seiner Ursachen: dem Wahn, draußen zu stehen, vom lebendigen Prozess des Universums getrennt, ein Ich zu sein, dass ständig Angst hat, vergehen zu können. Das so entstandene Leiden wird durch die Trias Sila – samadhi – panna überwunden und in weiterer Folge durch Weisheit (Erkennen des eigenen Geistes) und Mitgefühl (verbunden mit Liebe, Freude und Gleichmut) aufgehoben. Gautamas Erleuchtung, seine tiefe Intuition sagt: alles, was dem Werden unterworfen ist, muss dem Vergehenden anheim fallen. Existenz ist absolute Dynamik und im letzten unzerstörbar. Das Gautama in seiner großen Intuition erkannt hat, ist die Unvergänglichkeit des Vergänglichen. Der Tod ist so gesehen wohl ein Wechsel der Identität, die vor dem Vorhang (Tod) eine andere ist als hinter dem Vorhang (Jenseits), aber kein Verlust der Kontinuität des Prozesses („subtiles Bewusstsein“, „wahres Selbst“) Die gegenseitige Abhängigkeit (Inter – Sein) bedarf keiner Stütze von außen (Schöpfergott). Die tiefe Innenschau lässt uns selbst erleben, dass dieser Vergänglichkeit keinerlei Beständigkeit oder Dauerhaftigkeit gegenübersteht.

Es gibt keine Grundlage, keinen ewigen Grund. Gautama hat die „Bedingtheit“ an sich („absolute Relativität“) geschaut in einer in Worten nicht darstellbaren Erfahrung. Da gibt es kein, die Existenz transzendierendes Jenseits (s.o. Kontinuität!) Gautama sah die Totalität im „ewigen Nun“ (hier und jetzt) Er sah das Anfang- und Endlose, das kreislaufartige aller Existenz. Diesen Gedanken finden wir u.a. bei Empedokles:

 

Geburt ist keinem Wesen eigen

und keines endet durch Vernichter Tod.

Nur Mischung ist und Austausch des Gemischten

Geburt: der Name gilt nur unter Menschen

So ist ein Werden ohne feste Dauer

Doch weil dies Wechselspiel kein Ende nimmt

so ist im Kreislauf wandelloses Sein.

 

Die richtunggebende Erfahrung ist hier: es gibt keinen Ausweg durch Projektion einer Transzendenz. Im vollen Annehmen von Sterblichkeit und Vergänglichkeit, auch des Menschen und seiner Welt liegt die Befreiung: die tiefe Erkenntnis von Shunyata der Leerheit, die identisch ist mit Nirvana. Wir müssen akzeptieren, dass es kein nicht verursachtes Dasein gibt, die totale gegenseitige Abhängigkeit und das es im Dasein keinerlei statischen Fortbestand gibt. Die Revolution des Buddha bestand auch darin, dass seine Intuition, seine Erleuchtung die Offenbarung eines Erlösungsweges brachte. Die sog. metaphysischen Grundfragen nach Mensch, Gott und Welt schneidet Gautama an der Wurzel ab. Er transzendiert die Antwort, in dem er sie durch Schweigen auflöst. Er fordert nur Vertrauen in die erlösungbringende Erleuchtung und macht klar, dass es nur auf das rechte, zur Befreiung führende Handeln ankommt (M 72, Vacchagotta und M 62, Malunkyaputta)

Dieses Ausmaß an Freiheit war (und ist?) kaum zu ertragen. Im Hinayana führte es zur Scholastik des Abhidhamma. Im Mahayana sehen wir eine Rückkehr zu theistischen Formen, Tendenzen zur Glaubensreligion.

In Indien ist aber der wahre religiöse Mensch nicht ein glaubender, sondern ein Wissender, der Weise. Geht es in der Buddhalehre zwar deutlich um die Aufhebung des Leidens, ist ihr doch auch das Streben nach Glück ein wesentliches Merkmal. Nirwana wird als Maha – sukka (Glückseeligkeit) bezeichnet. Im Dhammapada steht: Gesundheit ist der größte Besitz, Zufriedenheit der größte Schatz, Vertrauen der größte Freund, Nibbana die größte Freude oder auch: die Ganzheit des Pfades ist Freundschaft mit Liebenswürdigen, Gemeinschaft mit Liebenswürdigen. In uns Menschen ist ein Begehren nach höherer Entwicklung (ein evolutionäres Gesetz?!), das wir selbst sind, dass den Kern des Menschen ausmacht, die unstillbare Sehnsucht nach Vervollkommnung und Vollendung des Menschseins. Das Theravada mit seinen Achsen „bedingtes Entstehen“ und Satipatthana Sutta bietet in seiner Geschlossenheit und scheinbaren Schlichtheit eine sichere Zuflucht. Das Mahayana hingegen eröffnet unendliche Erkenntnis und Erfahrungsmöglichkeiten „nach vorne“. Die Gemeinsamkeiten, betrachtet man den „Handgriff des Fächers“ sind größer als die bunten Unterschiede.

Das Gleichnis im Lotus Sutra erzählt uns, das alle Fahrzeuge vier Räder, ein Zugtier und alle das gleiche Ziel haben.

 

 

Möge uns allen Wachwerden und klare Wachheit beschieden sein!

 

Abkürzungen für die Sutra-Sammlungen des Palikanon:

  DN Dígha Nikaya, die Längeren Lehrreden.

  MN Majjhima Nikaya, die Mittleren Lehrreden.

  SN Samyutta Nikaya, die Gruppierten Lehrreden.

  AN Anguttara Nikaya, die Angereihten Lehrreden

  KN Khuddaka Nikaya, die Kurzen Texte

 

UPUL Ende des Artikels von Rundbrief 2/3 2007.

 


 

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