Die Furcht vor der Freiheit und Siddhartha Gautama
(eine Ergänzung zu Upul 10, der sich mit der Befreiungstat Siddhartha Gautamas befasst hat)
Der vielleicht befremdende Titel dieses Essays entspringt der Beobachtung, dass Gedanken und Lehren der großen Befreier, Erlöser und Vertreter gewaltloser Humanität oft in ihr Gegenteil pervertiert werden. Dazu kommt, dass sie von Exponenten der Gesellschaften, in denen sie auftreten, ermordet werden. Genannt seien bloß Jesus, Mahatma Gandhi, Martin Luther King. Selbst der Prototyp der Gewaltlosigkeit, Gautama, der Buddha entging nur knapp zwei Mordanschlägen. Wir wollen anhand eines eklektisch ausgewählten Materials aus der Humanethologie (biologisch orientierte Verhaltensforschung am Menschen) und psychologischen Daten den Versuch wagen, einige der Befreiung entgegenstehende, aus der induktiven Forschung hervorgehende Faktoren darzustellen, also nicht aus der Perspektive des Abhidhamma, der buddhistischen Lehre vom Bewusstsein und seinen Faktoren. Aus dieser Perspektive wollen wir nur einige Konzepte herausgreifen, die gewisse Parallelen zu denen der europäischen Wissenschaft haben.
Beide Begriffe sind zu verstehen als die Bedingung des Daseins, ein Prozess, der einen Strom von Eindrücken und Erfahrungen aus Urzeiten ist, die dem alltäglichen Bewusstsein verschlossen bleiben.
Ferner sind für unsere Betrachtung noch folgende Faktoren von Bedeutung:
a. die Mano – Sankharas, die geistigen Anlagen, meist unbewusste Motive, Tendenzen aus früheren Leben, die uns antreiben.
b. die Anusaya, latente Tendenzen, Vorlieben, Gewohnheiten, latente Anlagen, die dazu neigen, immer wieder Bedingungen entstehen zu lassen, die zu Gier, Hass und Wahn führen.
c. die Asava, die Einströmungen, Anwandlungen Anlass für Triebe wie Sinnlichkeitstrieb, Daseinstrieb, Ansichtstrieb und Unwissenheitstrieb sind. (Alle diese Begriffe sind im „Buddhistischen Wörterbuch“ von Nyanatiloka beschrieben. Bezüglich der Asava: M2 „Alle Anwandlungen“)
Dieser schmale Streifen aus dem Spektrum buddhistischer Psychologie will nur in Erinnerung rufen, dass hier eine Art Trieb- und Instinktpsychologie vorliegt, die Analogien und Parallelen zu westlichen Trieb- und Instinktlehren hat.
Der Lebensstrom, dem wir alle angehören, wird von der Evolutionslehre unter der Aegide der „Konstrukteure der Evolution“ Mutation und Selektion gesehen. Mutation: der ständige Wandel und die Veränderung der Lebewesen. Selektion: der Vorgang, der bestimmte Individuen überleben lässt; beide immer in engster Verflechtung mit jeweiligen Umweltfaktoren. Diese Sichtweise kennt keine übergeordnete, personale Intelligenz (Schöpfergott). Dies hat eine Parallele zur Buddhalehre, die sich von jedem Theismus dadurch unterscheidet, dass auch sie keinen Schöpfergott kennt, sondern aufgrund ihres dynamischen Denkens von einem sich selbst organisierenden Universum spricht.
Der Anstoß zur Entwicklung der eigentlichen Menschlichkeit ist eine Energie, die innere Dynamik des Seins, die die Triebkraft zur vollen Entfaltung unseres Potentials (Erleuchtung) führt. (s. Gampopa, Juwelenschmuck der geistigen Befreiung, 1. Kap.) Der Ausgangspunkt für diesen Prozess ist die unendlich wertvolle, menschliche Existenzform („der kostbare menschliche Körper“) Der wesentliche Unterschied zur naturwissenschaftlichen Sichtweise liegt darin, dass in der Buddhalehre der ethische Konditionalismus vor allem in der Karmaidee eine tragende Rolle spielt. Was im Westen intellektueller Wissenserwerb und Wissensverwertung ist, wird im buddhistischen Raum von der Dreieinheit Sila (Ethik), Samadhi (meditative Vertiefung) und Pannja (spontane, unmittelbare Weisheit, nicht bloßes Wissen) zur Verwirklichung gebracht (tiefgründig dargestellt von Govinda „Die psychologische Haltung der frühbuddhistischen Schriften“). Betrachten wir irdisches Leben, so legt sein Wesen und Verhalten den Vergleich mit dem Wasser nahe. Dieses wunderbare, noch immer nicht ganz erforschte Element ist ständig in Bewegung, dringt in alle Ritzen und Fugen, löst auf, scheidet aus, baut auf und zerstört, wirkt unentwegt und mühelos. Wo Wasser ist, kann Leben sein und auch dieses ist in ständiger Bewegung, breitet sich schrankenlos aus, baut auf, zerstört und bildet wunderbare, hierarchische, harmonische Welten auf. All das, was unser Körper ist, verdankt sich diesem dynamischen Geschehen, das Leben und Tod in einem ist. (s. Anmerkung 1, Seite 8) Die Kräfte, die hier im Spiel sind erleben wir als Triebe, R.M. Rilke drückt dies so aus:
Wir sind so angstallein
und haben nur aneinander Halt
und jedes Wort wird wie ein Wald
vor unseren Schritten sein.
Und unser Wille ist wie der Wind
der uns drängt und dreht
weil wir selber die Sehnsucht sind,
die in Blüten steht.
Besser als in manch philosophischer oder naturwissenschaftlicher Abhandlung ist hier die conditio humana zusammengefasst. Die Angst vor dem sich immer wieder auftuenden Unbekannten, das faszinierend und bedrohlich in einem ist, das Auf-den–anderen-angewiesen sein und das Unfassbare, das uns bewegt (dem wir verschiedene Namen geben, weil wir selber die Sehnsucht sind: die Sehnsucht nach „Mehr“. Dieser Drang nach „Mehr“, der tiefe Wunsch nach Sinn und endgültiger Erfüllung ist das, was uns von den Tieren abhebt. Auch dieser Drang hat tiefe Wurzeln, denn die Evolution der Organismen wird (nach Rupert Riedl) als erkenntnisgewinnender Prozess gesehen. Leben ist Erkennen. Das Universum ist in uns sich selbst bewusst geworden: eine Last, aber auch die Chance zur Freiheit, den die Entfaltung des Bewusstseins, des Geistes hat kein Ende. Ein unendlicher Prozess, der mit der Erleuchtung nicht beendet ist. Wir sehen also des Menschen Unruhe in der rastlosen Entfaltung des Lebens selbst begründet.
Ein Verhaltensforscher des 19. Jahrhunderts (W. Craig) hat es so ausgedrückt: A healthy animal is up and doing. Der Übergeschäftigkeit des Menschen, der sich als die Speerspitze der Evolution betrachten kann, sind keine Grenzen gesetzt (siehe Anmerkung 2, Seite 8) Soweit wir den Evolutionsprozess erfassen können, hat er keine definierbaren Ziele. Wir erkennen Gesetzmäßigkeiten, Regeln, nach denen er abläuft, sich aber immer wieder in Sackgassen festläuft (Orthogenese, klassisches Beispiel: die Saurier).
Jedes Lebewesen ist Träger von angeborenen Verhaltensweisen, die auch die Basis menschlichen Verhaltens sind. Aus dem großen Spektrum dieser Erkenntnisse (Irenäus Eibl-Eibesfeld, Humanethologie 1986) seien nur einige Faktoren, die für unser Thema „Freiheit, Befreiung“ von Bedeutung sind, herausgegriffen:
Aufgrund der Cortikalisation (Entwicklung der Großhirnrinde) und der Lateralisation (linke Hirnhälfte: Sprache, analytisch, sachlich; rechte Hirnhälfte: emotional, synthetisch, integrativ) haben wir die Fähigkeit der Reflexion, der Selbstbetrachtung. Die Arbeitsteilung von rechts und links gestattet es, sich sachlich nüchtern vom emotionellen Hirn zu distanzieren und befähigt uns zur Selbstkontrolle. Im subjektiven Erleben können wir so Alternativen wählen, erwägen und Ziele setzen. Erwägen setzt Abstandnahme voraus, d.h., die Triebssphäre muss soweit abgekoppelt sein, das ein entspanntes Feld entsteht, in dem wir vernünftig handeln können.
Freiheit ist eine gewisse Wahlfreiheit, die niemals indeterminiert ist und auch nicht akausal, aber dennoch Autonomie: das Setzen neuer, eigener Regeln
Unsere individuelle Entwicklung ist primär geprägt durch die Mutter – Kind – Beziehung, die eine urtümliche Rangordnung ist. Die Mutter ist empathisch, fürsorglich, sie betreut, hat aber auch Autorität (deshalb werden ranghöhere Personen oft auch als Vater oder Mutter angesprochen). Die lebenslange Bereitschaft, sich leiten zu lassen, ist eines der bleibenden „Jugendmerkmale“ des Menschen. Der Verhaltensforscher meint, dass wir eine gewisse Bereitschaft zur Unterwerfung mitbringen und so in der Lage sind, Dominanz zu ertragen. Unterwerfung kann aber auch die Unsicherheit vergrößern und heftige Aggressionen aktivieren, die sich in feindseligen Handlungen gegen andere, aber auch gegen die eigene Person entladen.
Daneben bringen wir eine Reihe von angeborenen Dispositionen mit, die von Gruppen und Großgesellschaften genützt werden:
Zusammengefasst: Machtstreben gehört ebenso wie die Bereitschaft zur Unterwerfung und Gefolgschaft zu den konstitutiven Merkmalen des Menschen. Wir können uns ein Leben ohne Gefolgschaft und Treue kaum vorstellen. Achtsamkeit ist geboten: all die hier genannten Faktoren neigen zur Entartung, z.B. wurden und werden aus Loyalität oft furchtbare Taten verübt. Außerdem sind dem Machtstreben nicht wie den anderen Antrieben natürliche Grenzen gesetzt. Menschen, die sich freiwillig einer Aufgabe verschrieben haben, die höhere Ziele verfolgt fällt es besonders schwer, sich gegen eine Autorität zu stellen, die diese Ziele repräsentiert. Wir müssen immer bedenken, dass nicht rationale Entscheidungsprozessen in unserem sozialen Leben eine große Rolle spielen. Je mehr Einsicht wir in diese Zusammenhänge haben, desto eher ist es möglich, dem eigenen Urteil und dem eigenen Gewissen zu folgen.
Eine autoritätenkritische Haltung ist gerade heute besonders wichtig, neigen wir doch zu unserem Schaden, solchen Autoritäten, die sich sicher geben und lautstark auftreten, blind zu vertrauen, aus der fatalen, infantilen Tendenz, die wir als Erbe in uns tragen, die wir durchschauen und bändigen müssen. Ein Buddha ist nicht nur erwacht, er ist auch vollendet erwachsen. (s. Anmerkung 9, Seite 9)
Wir sehen den Menschen den beiden übergeordneten Verhaltengruppen ausgesetzt: den agonalen (beherrschen, unterwerfen) und den affiliativen (fürsorglich, pflegend). Beide können je nach Situation Druck auf das Individuum ausüben. Es geht zunächst um die Befreiung von diesem Druck. Die dem Menschen mögliche Freiheit bedeutet Rationalität und Unabhängigkeit, macht ihn aber auch ängstlich und ohnmächtig. So kann Freiheit bewusst oder unbewusst als Last empfunden werden, weil frei zu sein auch allein gelassen werden bedeuten kann und eine Bedrohung darstellt. Dazugehören, zugleich als ein Besonderer und von anderen Unterschiedener wird als überlebenswichtig erlebt. So kommt es, dass die primären Bindungen (Mutter, Familie, Sippe) die freie Entfaltung des einzelnen blockieren können. Die Struktur der modernen Gesellschaft macht den Menschen unäbhängiger, kritischer, aber auch isolierter, einsamer und von Angst erfüllt, weil er sich von gigantischen, unbeeinflussbaren Mächten bedroht fühlt. (Globalisierung etc.) Das Gefühl der Isolierung und Ohnmacht wird vom Durchschnittsmenschen nicht wahrgenommen. Er hält sich an Brot und Spiele. Wird aber Freiheit bewusst oder unbewusst als Last und Bedrohung erlebt, kommen Fluchtmechanismen in Gang, die Erich Fromm in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ ausführlich beschrieben hat.
Oft wird die Freiheit aufgegeben und es wird auf frühere Verhaltensstufen regrediert. Dies kann unterschiedliche Formen annehmen.
Anregungen, Anmerkungen:
Kontemplation: Setze dich entspannt, aber gesammelten Geistes auf den Boden oder auf einen Stuhl. Konzentriere deine Aufmerksamkeit einige Minuten auf den Atem. Beobachte, wie Gedanken aus dem Grund deines Bewusstseins aufsteigen, wenn du sie weder festhältst noch abwehrst, versinken sie wieder im Grund des Bewusstseins.
Fazit und Schlusswort:
Als der Urozean beschloss, auch das feste Land zu erobern, verschloss er sich in individuierte Lebewesen, die ihn an Land und über Land brachten. Jeder von uns ist Teil dieses Ozeans, untrennbar mit allem Leben auf der Erde, aber auch mit dem ganzen Universum verbunden. Leben will sich – wie das Wasser – schrankenlos ausbreiten. Den Organismen geht es aber nicht um das Leben schlechthin, sondern ums Überleben. Alle Lebewesen sind mit Einrichtungen versehen, die das Überleben sichern, andererseits aber den Individuen angeborene Grenzen setzen. Im ersten Abschnitt dieses Essays werden die angeborenen Fallen aufgezeigt, die Hindernisse auf dem Weg zur Offenheit sind. Obzwar jeder Mensch (jedes Lebewesen) einzigartig ist, so sind wir andererseits gleich, mit gleichen angeborenen Möglichkeiten ausgestattet (auch dies wird in der Sutta Nipatta 607 betont). Aber nur durch die Einzigartigkeit in der Gleichheit ist Beziehung möglich. Die Grenzen der Individualität sind jedoch relativ (bedingt) und lösen sich mit dem Tod des Individuums auf. Was bleibt, ist die Kontinuität der Keimbahn, der Gene oder in buddhistischer Sicht das existenzenübergreifende Karma, das Wirken von Tatabsichten und Handeln…
Der Überlebenswille (der aus der Täuschung der Getrenntheit kommt) erzeugt Anhaftung und Ablehnung, aus denen die Welt des Leidens entsteht. Der von Buddha Shakyamuni angebotene Weg zur Befreiung beginnt sanft, ohne Gewalt, ohne Überrumpelung durch Riten und Gebräuche oder metaphysisch begründete Dogmen. Seine Lehre ist die „die am Anfang beruhigt, in der Mitte beruhigt und am Ende beruhigt“. Er passt die Gangart der Lehre den Lebensumständen der Menschen an. Für Mönche ganz steil, für Alltagsmenschen in allmählichen Spiralen zur Höhe, zur Offenheit, von den „harten Fakten“ der Realität hinweg in den Raum reiner Potentialität und unaussprechlicher Möglichkeiten. (Möglichkeiten, die jederzeit in Wirkeinheiten materialisiert „Fleisch werden“ können) Je offener Menschen anhand der Lehre werden, desto mehr sind sie an tiefem Glück und der Freude der Existenz interessiert und nicht an ihrem Leiden. Am Beginn also kein Aufruf zur Askese.
„So kann man in der Häuslichkeit
in hellem, inneren Frieden leben.
In dieser Welt dem andern lieb sein.
In jener frei von Kummer werden.
Den Leuten von Veludvara sagt der Buddha (Samyutta Nikaya 55/7): „Ich will euch eine Wegweisung geben, Hausväter, die euch so, wie ihr selber seit, weiterführt.“ Dann gibt er ihnen zunächst die fünf Silas, die grundlegenden Sittenregeln.
Um den vorher genannten Fallen zu entgehen, bietet der Dharma (84.000 Belehrungen!) zahlreiche Tore der Befreiung an; hier nur einiges Grundsätzliches:
Ich nehme an, dass jeder Leser die facettenhafte, unvollständige Behandlung der Themen Freiheit und Befreiung merken wird, vor allem weil nicht der ganze Fächer der Lehre (Schulen, Methoden usw.) auch nur erwähnt wurde. Was vielleicht deutlich geworden ist: wir sind Mächten ausgesetzt, die in vielerlei Masken auftreten. Fürsorge z.B. kann Terror werden, Terrorismus ist oft die Maske von Angst, Hilflosigkeit und ungelebten Leben usf. Umso dankbarer müssen wir der Lehre Buddha Shakyamunis sein, der uns eine Freiheit vermittelt, die in dieser Welt einmalig ist. Wir müssen daher sehr achtsam sein, dass die hier zitierten „Fallen“ und „Fluchtmechanismen“ sich nicht in oft sehr subtilen Formen durchsetzen. Möge es euch gelingen, Frieden und Freiheit achtsam zu bewahren.
UPUL 11 Ende
Mögen alle Wesen glücklich sein.

Upul