Upul’s Sutta  Columne 11 (Rundbrief 4, 2007)

UPUL 11

Die Furcht vor der Freiheit und Siddhartha Gautama

(eine Ergänzung zu Upul 10, der sich mit der Befreiungstat Siddhartha Gautamas befasst hat)

 

 

Der vielleicht befremdende Titel dieses Essays entspringt der Beobachtung, dass Gedanken und Lehren der großen Befreier, Erlöser und Vertreter gewaltloser Humanität oft in ihr Gegenteil pervertiert werden. Dazu kommt, dass sie von Exponenten der Gesellschaften, in denen sie auftreten, ermordet werden. Genannt seien bloß Jesus, Mahatma Gandhi, Martin Luther King. Selbst der Prototyp der Gewaltlosigkeit, Gautama, der Buddha entging nur knapp zwei Mordanschlägen. Wir wollen anhand eines eklektisch ausgewählten Materials aus der Humanethologie (biologisch orientierte Verhaltensforschung am Menschen) und psychologischen Daten den Versuch wagen, einige der Befreiung entgegenstehende, aus der induktiven Forschung hervorgehende Faktoren darzustellen, also nicht aus der Perspektive des Abhidhamma, der buddhistischen Lehre vom Bewusstsein und seinen Faktoren. Aus dieser Perspektive wollen wir nur einige Konzepte herausgreifen, die gewisse Parallelen zu denen der europäischen Wissenschaft haben.

 

  1. Bhavanga – sota: das Konzept des Lebensstromes, dem wir alle angehören, der völlig außerhalb der Bewusstseinsschwelle gelegen ist.
  2. Bhavanga – citta: das als Bedingung des Daseins vorhandene Unterbewusstsein.

Beide Begriffe sind zu verstehen als die Bedingung des Daseins, ein Prozess, der einen Strom von Eindrücken und Erfahrungen aus Urzeiten ist, die dem alltäglichen Bewusstsein verschlossen bleiben.

  1. Vijnana – sota, der Bewusstseinsstrom, der in beiden Ebenen der Wirklichkeit eine Rolle spielt.

Ferner sind für unsere Betrachtung noch folgende Faktoren von Bedeutung:

a.       die Mano – Sankharas, die geistigen Anlagen, meist unbewusste Motive, Tendenzen aus früheren Leben, die uns antreiben.

b.       die Anusaya, latente Tendenzen, Vorlieben, Gewohnheiten, latente Anlagen, die dazu neigen, immer wieder Bedingungen entstehen zu lassen, die zu Gier, Hass und Wahn führen.

c.       die Asava, die Einströmungen, Anwandlungen Anlass für Triebe wie Sinnlichkeitstrieb, Daseinstrieb, Ansichtstrieb und Unwissenheitstrieb sind. (Alle diese Begriffe sind im „Buddhistischen Wörterbuch“ von Nyanatiloka beschrieben. Bezüglich der Asava: M2 „Alle Anwandlungen“)

 

Dieser schmale Streifen aus dem Spektrum buddhistischer Psychologie will nur in Erinnerung rufen, dass hier eine Art Trieb- und Instinktpsychologie vorliegt, die Analogien und Parallelen zu westlichen Trieb- und Instinktlehren hat. 

 

Der Lebensstrom, dem wir alle angehören, wird von der Evolutionslehre unter der Aegide der „Konstrukteure der Evolution“ Mutation und Selektion gesehen. Mutation: der ständige Wandel und die Veränderung der Lebewesen. Selektion: der Vorgang, der bestimmte Individuen überleben lässt; beide immer in engster Verflechtung mit jeweiligen Umweltfaktoren. Diese Sichtweise kennt keine übergeordnete, personale Intelligenz (Schöpfergott). Dies hat eine Parallele zur Buddhalehre, die sich von jedem Theismus dadurch unterscheidet, dass auch sie keinen Schöpfergott kennt, sondern aufgrund ihres dynamischen Denkens von einem sich selbst organisierenden Universum spricht.

Der Anstoß zur Entwicklung der eigentlichen Menschlichkeit ist eine Energie, die innere Dynamik des Seins, die die Triebkraft zur vollen Entfaltung unseres Potentials (Erleuchtung) führt. (s. Gampopa, Juwelenschmuck der geistigen Befreiung, 1. Kap.) Der Ausgangspunkt für diesen Prozess ist die unendlich wertvolle, menschliche Existenzform („der kostbare menschliche Körper“) Der wesentliche Unterschied zur naturwissenschaftlichen Sichtweise liegt darin, dass in der Buddhalehre der ethische Konditionalismus vor allem in der Karmaidee  eine tragende Rolle spielt. Was im Westen intellektueller Wissenserwerb und Wissensverwertung ist, wird im buddhistischen Raum von der Dreieinheit Sila (Ethik), Samadhi (meditative Vertiefung) und Pannja (spontane, unmittelbare Weisheit, nicht bloßes Wissen) zur Verwirklichung gebracht (tiefgründig dargestellt von Govinda „Die psychologische Haltung der frühbuddhistischen Schriften“). Betrachten wir irdisches Leben, so legt sein Wesen und Verhalten den Vergleich mit dem Wasser nahe. Dieses wunderbare, noch immer nicht ganz erforschte Element ist ständig in Bewegung, dringt in alle Ritzen und Fugen, löst auf, scheidet aus, baut auf und zerstört, wirkt unentwegt und mühelos. Wo Wasser ist, kann Leben sein und auch dieses ist in ständiger Bewegung, breitet sich schrankenlos aus, baut auf, zerstört und bildet wunderbare, hierarchische, harmonische Welten auf. All das, was unser Körper ist, verdankt sich diesem dynamischen Geschehen, das Leben und Tod in einem ist. (s. Anmerkung 1, Seite 8) Die Kräfte, die hier im Spiel sind erleben wir als Triebe, R.M. Rilke drückt dies so aus:

 

Wir sind so angstallein

und haben nur aneinander Halt

und jedes Wort wird wie ein Wald

vor unseren Schritten sein.

Und unser Wille ist wie der Wind

der uns drängt und dreht

weil wir selber die Sehnsucht sind,

die in Blüten steht.

 

Besser als in manch philosophischer oder naturwissenschaftlicher Abhandlung ist hier die conditio humana zusammengefasst. Die Angst vor dem sich immer wieder auftuenden Unbekannten, das faszinierend und bedrohlich in einem ist, das Auf-den–anderen-angewiesen sein und das Unfassbare, das uns bewegt (dem wir verschiedene Namen geben, weil wir selber die Sehnsucht sind: die Sehnsucht nach „Mehr“. Dieser Drang nach „Mehr“, der tiefe Wunsch nach Sinn und endgültiger Erfüllung ist das, was uns von den Tieren abhebt. Auch dieser Drang hat tiefe Wurzeln, denn die Evolution der Organismen wird (nach Rupert Riedl) als erkenntnisgewinnender Prozess gesehen. Leben ist Erkennen. Das Universum ist in uns sich selbst bewusst geworden: eine Last, aber auch die Chance zur Freiheit, den die Entfaltung des Bewusstseins, des Geistes hat kein Ende. Ein unendlicher Prozess, der mit der Erleuchtung nicht beendet ist. Wir sehen also des Menschen Unruhe in der rastlosen Entfaltung des Lebens selbst begründet.

Ein Verhaltensforscher des 19. Jahrhunderts (W. Craig) hat es so ausgedrückt: A healthy animal is up and doing. Der Übergeschäftigkeit des Menschen, der sich als die Speerspitze der Evolution betrachten kann, sind keine Grenzen gesetzt (siehe Anmerkung 2, Seite 8) Soweit wir den Evolutionsprozess erfassen können, hat er keine definierbaren Ziele. Wir erkennen Gesetzmäßigkeiten, Regeln, nach denen er abläuft, sich aber immer wieder in Sackgassen festläuft (Orthogenese, klassisches Beispiel: die Saurier).

Jedes Lebewesen ist Träger von angeborenen Verhaltensweisen, die auch die Basis menschlichen Verhaltens sind. Aus dem großen Spektrum dieser Erkenntnisse (Irenäus Eibl-Eibesfeld, Humanethologie 1986) seien nur einige Faktoren, die für unser Thema „Freiheit, Befreiung“ von Bedeutung sind, herausgegriffen:

Aufgrund der Cortikalisation (Entwicklung der Großhirnrinde) und der Lateralisation (linke Hirnhälfte: Sprache, analytisch, sachlich; rechte Hirnhälfte: emotional, synthetisch, integrativ) haben wir die Fähigkeit der Reflexion, der Selbstbetrachtung. Die Arbeitsteilung von rechts und links gestattet es, sich sachlich nüchtern vom emotionellen Hirn zu distanzieren und befähigt uns zur Selbstkontrolle. Im subjektiven Erleben können wir so Alternativen wählen, erwägen und Ziele setzen. Erwägen setzt Abstandnahme voraus, d.h., die Triebssphäre muss soweit abgekoppelt sein, das ein entspanntes Feld entsteht, in dem wir vernünftig handeln können.

Freiheit ist eine gewisse Wahlfreiheit, die niemals indeterminiert ist und auch nicht akausal, aber dennoch Autonomie: das Setzen neuer, eigener Regeln

Unsere individuelle Entwicklung ist primär geprägt durch die Mutter – Kind – Beziehung, die eine urtümliche Rangordnung ist. Die Mutter ist empathisch, fürsorglich, sie betreut, hat aber auch Autorität (deshalb werden ranghöhere Personen oft auch als Vater oder Mutter angesprochen). Die lebenslange Bereitschaft, sich leiten zu lassen, ist eines der bleibenden „Jugendmerkmale“ des Menschen. Der Verhaltensforscher meint, dass wir eine gewisse Bereitschaft zur Unterwerfung mitbringen und so in der Lage sind, Dominanz zu ertragen. Unterwerfung kann aber auch die Unsicherheit vergrößern und heftige Aggressionen aktivieren, die sich in feindseligen Handlungen gegen andere, aber auch gegen die eigene Person entladen.

Daneben bringen wir eine Reihe von angeborenen Dispositionen mit, die von Gruppen und Großgesellschaften genützt werden:

 

  1. Loyalität der Gruppe gegenüber (die gewisse mütterliche Eigenschaften hat). Zugehörigkeit ist überlebenswichtig!
  2. Bereitschaft, einer Führerpersönlichkeit zu folgen, besonders der sog. charismatischen Persönlichkeit, die besonders kraftvoll erscheint, Furcht einflösst, daneben aber auch bezaubernd, majästetisch und liebenswert ist (s. Anmerkung 5, Seite 9)
  3. Bereitschaft zu teilen. Schon bei Kleinkindern zu beobachten, in Jäger / Sammlergruppen selbstverständlich. Die Grundlage von Dana, der basalen Tugend.
  4. Sich mit Gruppenmitgliedern zu identifizieren.
  5. Die eigene Gruppe von anderen zu unterscheiden. (Werden die Gruppengrenzen zu starr oder zu durchlässig, gibt es Probleme) Die Angehörigen unterschiedlicher Gruppen betrachten einander oft als Fremde.
  6. Die Neigung zur territorialer  Abgrenzung (jede Gruppe beansprucht ein „Gebiet“; geographisch, aber auch geistig für die eigene Nutzung) (s. Anmerkung 6, Seite 9)
  7. Neigung zur kollektiven Aggression, wenn die Gruppe sich bedroht fühlt.
  8. Vorsicht ist geboten, wenn durch Angst eine Infantilisierung und damit verbunden eine höhere Gefolgsbereitschaft erzeugt wird (s. Anmerkung 7, Seite 9)
  9. Zu den bindenden Faktoren gehören auch gemeinsame Feiertage und Gruppenfeste. Bemerkt sei auch noch, das jede Gruppe Rangordnungen entwickelt, die den Vorteil haben, das eine ständige Repression der Gruppenmitglieder nicht notwendig ist, weil eine temporär wirkende Ordnung sie schützt. Allerdings sind auch Rangordnungen nicht statisch, sie haben ihre eigene Dynamik.

 

Zusammengefasst: Machtstreben gehört ebenso wie die Bereitschaft zur Unterwerfung und Gefolgschaft zu den konstitutiven Merkmalen des Menschen. Wir können uns ein Leben ohne Gefolgschaft und Treue kaum vorstellen. Achtsamkeit ist geboten: all die hier genannten Faktoren neigen zur Entartung, z.B. wurden und werden aus Loyalität oft furchtbare Taten verübt. Außerdem sind dem Machtstreben nicht wie den anderen Antrieben natürliche Grenzen gesetzt. Menschen, die sich freiwillig einer Aufgabe verschrieben haben, die höhere Ziele verfolgt fällt es besonders schwer, sich gegen eine Autorität zu stellen, die diese Ziele repräsentiert. Wir müssen immer bedenken, dass nicht rationale Entscheidungsprozessen in unserem sozialen Leben eine große Rolle spielen. Je mehr Einsicht wir in diese Zusammenhänge haben, desto eher ist es möglich, dem eigenen Urteil und dem eigenen Gewissen zu folgen.

Eine autoritätenkritische Haltung ist gerade heute besonders wichtig, neigen wir doch zu unserem Schaden, solchen Autoritäten, die sich sicher geben und lautstark auftreten, blind zu vertrauen, aus der fatalen, infantilen Tendenz, die wir als Erbe in uns tragen, die wir durchschauen und bändigen müssen. Ein Buddha ist nicht nur erwacht, er ist auch vollendet erwachsen. (s. Anmerkung 9, Seite 9)

Wir sehen den Menschen den beiden übergeordneten Verhaltengruppen ausgesetzt: den agonalen (beherrschen, unterwerfen) und den affiliativen (fürsorglich, pflegend). Beide können je nach Situation Druck auf das Individuum ausüben. Es geht zunächst um die Befreiung von diesem Druck. Die dem Menschen mögliche Freiheit bedeutet Rationalität und Unabhängigkeit, macht ihn aber auch ängstlich und ohnmächtig. So kann Freiheit bewusst oder unbewusst als Last empfunden werden, weil frei zu sein auch allein gelassen werden bedeuten kann und eine Bedrohung darstellt. Dazugehören, zugleich als ein Besonderer und von anderen Unterschiedener wird als überlebenswichtig erlebt. So kommt es, dass die primären Bindungen (Mutter, Familie, Sippe) die freie Entfaltung des einzelnen blockieren können. Die Struktur der modernen Gesellschaft macht den Menschen unäbhängiger, kritischer, aber auch isolierter, einsamer und von Angst erfüllt, weil er sich von gigantischen, unbeeinflussbaren Mächten bedroht fühlt. (Globalisierung etc.) Das Gefühl der Isolierung und Ohnmacht wird vom Durchschnittsmenschen nicht wahrgenommen. Er hält sich an Brot und Spiele. Wird aber Freiheit bewusst oder unbewusst als Last und Bedrohung erlebt, kommen Fluchtmechanismen in Gang, die Erich Fromm in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ ausführlich beschrieben hat.

Oft wird die Freiheit aufgegeben und es wird auf frühere Verhaltensstufen regrediert. Dies kann unterschiedliche Formen annehmen.

 

  1. Flucht ins Autoritäre: das bedeutet, sich unterwerfen oder herrschen bis hin zu sado – masochistischen Beziehungsformen (als Flucht vor unerträglichem Alleinsein). Damit sind Tendenzen, sich selbst oder andere zu verletzen verbunden oder in Selbstbeschuldigungen verfallen, sich von anderen abhängig machen u.a.m. Häufig werden solche Abhängigkeiten als Liebe missverstanden! Sadistische Haltungen können aber auch unter der Maske von Güte und Fürsorge auftreten. Mit dieser Art von Flucht sind noch andere Phänomene verbunden. Prinzipiell: Machtgier ist die Unfähigkeit, allein zu sein. Liebe hingegen gründet sich auf Gleichberechtigung und Freiheit.
  2. Flucht ins Destruktive: Destruktivität wird von E. Fromm als der Versuch angesehen, jede Bedrohung von außen zu beseitigen. Es ist dies die Flucht vor der eigenen Ohnmacht. Destruktiven Tendenzen gelingt es immer, ein Objekt zu finden – eventuell sich selbst. Der Grad der Destruktivität steht im direkten Verhältnis dazu, wie sehr einem Menschen die Entfaltungsmöglichkeiten in seinem Leben beschnitten wurden. Destruktivität ist im Wesentlichen das Ergebnis ungelebten Lebens.
  3. Flucht ins Konformistische: Dies ist die fast obligate Lösung für die meisten, normalen Menschen: genauso werden wie die anderen, bloß nicht auffallen. Dies geschieht unter anderem durch den Druck der Medien, die suggestiv auf uns einwirken. Die Automatisierung des Einzelnen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft hat die Hilflosigkeit und die Unsicherheit des Durchschnittlichen noch verschärft. Er ist deshalb bereit, sich neuen Autoritäten zu unterwerfen, die Sicherheit anbieten und seine Zweifel mindern. Fromm betont in diesem Kontext zudem: „wenn wir das unbewusste Leiden des automatisierten Durchschnittsmenschen nicht sehen, dann erkennen wir die Gefahr nicht, die unserer Kultur von der menschlichen Basis her droht. Die Bereitschaft, jede Ideologie, jeden Führer zu akzeptieren, wenn er nur etwas Aufregendes verspricht und eine Struktur anbietet, die dem Leben einen Sinn geben und wieder eine Ordnung hineinbringen will. Aus seiner Hilflosigkeit heraus versucht der Mensch, um weiterleben zu können, der von ihm negativ erlebten Freiheit zu entfliehen und begibt sich in neue Knechtschaft und Abhängigkeit für eine brüchige Sicherheit.“ Aber es gibt – so Fromm – auch einen Zustand der positiven Freiheit, in der der Mensch als Unabhängiger existiert und dennoch nicht isoliert ist, sondern mit anderen Menschen und dem Ganzen der Natur vereint. Dies geschieht dann, wenn der Mensch alle seine emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten voll entfaltet. Grundlegend ist, dass man sich selbst in seiner Totalität annimmt und einen Weg geht, der die Spaltung von Natur und Geist beseitigt (die Frage der Nondualität kann in diesem Rahmen nicht besprochen werden). Fromm betont, dass es vor allem auf das tätig sein ankommt (auf den „Weg“ und nicht auf das vorausphantasierte Resultat) Zur positiven Freiheit gehört auch die volle Bejahung der Einzigartigkeit des Einzelnen und der sorgsame Umgang mit ihm. So wie Eibl-Eibesfeld das Aufkommen der Brutpflege als Sternstunde der Evolution bezeichnet, meint Fromm, dass wir diese wertvolle Errungenschaft (die Einzigartigkeit des Menschen) der menschlichen Kultur bewahren müssen, die gerade heute in Gefahr ist, sie zu verlieren. Einzigartigkeit ist kein Widerspruch zur Gleichheit: gleich geboren, gleiche Grundlagen, gleiche basale Eigenschaften und alle haben Anspruch auf Freiheit und Glück. Gerade die Einzigartigkeit ermöglich erst Partnerschaft und Solidarität zueinander. Zur positiven Freiheit gehört auch das Bewusstsein, dass es keine höhere Macht geben darf als diese Einzigartigkeit in der Gleichheit, in der der Mensch Mittelpunkt und Zweck seines Lebens ist und niemals als Mittel „höheren“ Zwecken untergeordnet werden darf, die angeblich wertvoller sind als er. Echte Ideale sind nur die, die dem Leben förderlich sind. Gut oder schlecht ist ein empirisches, praktisches Problem, kein metaphysisches. Im Grunde weiß jeder, was wirklich gut für den Menschen ist: alles, was das Wachstum, die Freiheit und das Glück des Einzelnen fördert, keine geheimnisvolle, übergeordnete Macht. Fromm meint abschließend, dass Demokratie sich so entwickeln müsste, dass der Einzelne mit seinem Wachstum und seinem Glück Ziel und Zweck der Kultur wäre, ohne eine Rechtfertigung durch Kapitalanhäufung oder sonstige „Erfolge“, also eine Sozietät, in der der Mensch nicht einer Macht außerhalb seiner selbst unterworfen ist. Außerdem dürfen wir nie vergessen, dass meine Freiheit an die der anderen grenzt und immer sorgfältig bedacht werden muss.

 

 Anregungen, Anmerkungen:

 

  1. Kontempliere: das Wasser in meinem Körper ist ein Tropfen des Urozeans, der im Rhythmus längst vergangener Wellen vom Herzen ausgehend den ganzen Körper pulsieren lässt. Unzählige Ahnen haben zu seiner Ausgestaltung beigetragen. Vom Standpunkt des Dharma aus: alle Wesen waren einmal meine Mütter (und ich für sie), der Körper ist ein Geschenk deines Karma, einmalig und kostbar.
  2. Unter anderem im Metta-Sutta wird betont, das man nicht zu geschäftig sein soll. Kontempliere: wie oft flüchte ich mich in Aktivitäten, weil ich mich nicht ertragen kann? Wenn es dir gelingt, dich selbst wahrhaft zu lieben, bist du von schützender Sanftmut umhüllt: der rechte Beginn jeglicher Brahma – Vihara – Praxis.
  3. Hier ist die Übung der reinen Beobachtung angebracht, wie sie Nyanaponika in seinem Buch „Geistestraining durch Achtsamkeit“ darlegt.

Kontemplation: Setze dich entspannt, aber gesammelten Geistes auf den Boden oder auf einen Stuhl. Konzentriere deine Aufmerksamkeit einige Minuten auf den Atem. Beobachte, wie Gedanken aus dem Grund deines Bewusstseins aufsteigen, wenn du sie weder festhältst noch abwehrst, versinken sie wieder im Grund des Bewusstseins.

  1. Im Existenzkreislauf („Wiedergeburten“) ist Karma für die nächste Existenz determinierend, gewissermaßen Advokat der Kontinuität, aber die Individualität der Folgeexistenz hat erneut Wahlfreiheit, sich für Heilsames oder Unheilsames zu entscheiden. Kontempliere: wenn ich mir tief innerlich unvoreingenommen, ruhig beobachtend zuhöre, wie viel Heilsames oder Unheilsames ist im inneren Dialog zu vernehmen.
  2. Erinnern wir uns an die Kalama-Sutta, wo der Buddha eindringlich vor „charismatischen“ Lehrern warnt. Es gilt selbst zu überprüfen, was wirklich heilsam ist und danach zu leben.
  3. Auch ein Problem der Sangha: Territorium halten, um genügend Nahrung zu haben, ist ein Mangelsymptom. Heute gibt es aber (geistige) Nahrung im Überfluss, also wäre „Mitteilen“ eher angesagt. De fakto trachtet fast jede lokale Sangha – Gruppe, ihr Territorium hermetisch abzuschließen. Angst wovor? Instabile Identität? Loyalitätskonflike? Unterschwellige Machtansprüche? Kontempliere einmal das Leben deiner Sangha.
  4. Meine persönliche Meinung ist, dass die bedeutenden Erlöser und Befreier von sich aus nie mit (Höllen-) und ähnlichen Strafen, also mit Angst erzeugen gelehrt haben. Epigonenaktivitäten?
  5. Dazu gehört die kritische Betrachtung von Personen, die als Lehrer auftreten. Am Anfang des Weges, so meint z.B. Gampopa (Juwelenschmuck der geistigen Befreiung) werden uns eher gewöhnliche Menschen und nicht Erleuchtete begegnen. Wer uns am meisten hilft, ist ein geistiger Lehrer (friedlich, freundlich, lebt das was er lehrt usw.), der uns als gewöhnlicher Mensch begegnet.
  6. Erwachsensein bedeutet auch: allein sein können, wie es etwa in der Sutta Nipatta im Gleichnis vom Nashorn gesagt wird: „Bedacht auf seine Freiheit, die für andere reizlos, allein mag wandern man dem Nashorn gleich (S.N. 40), aber auch: wenn einen weisen Freund man findet, mag wandern man mit ihm, beglückt und achtsam (S.N. 45)
  7. Kontempliere: Dein eigenes Verständnis von Freiheit (eventuell auf dem Hintergrund des hier Dargestellten). Schau tief in deine Motivationen, was hat dich zum Dharma, was hat den Dharma zu dir gebracht. Was motiviert (ganz ehrlich!) deinen Kontakt zur Sangha.

 

Fazit und Schlusswort:

 

Als der Urozean beschloss, auch das feste Land zu erobern, verschloss er sich in individuierte Lebewesen, die ihn an Land und über Land brachten. Jeder von uns ist Teil dieses Ozeans, untrennbar mit allem Leben auf der Erde, aber auch mit dem ganzen Universum verbunden. Leben will sich – wie das Wasser – schrankenlos ausbreiten. Den Organismen geht es aber nicht um das Leben schlechthin, sondern ums Überleben. Alle Lebewesen sind mit Einrichtungen versehen, die das Überleben sichern, andererseits aber den Individuen angeborene Grenzen setzen. Im ersten Abschnitt dieses Essays werden die angeborenen Fallen aufgezeigt, die Hindernisse auf dem Weg zur Offenheit sind. Obzwar jeder Mensch (jedes Lebewesen) einzigartig ist, so sind wir andererseits gleich, mit gleichen angeborenen Möglichkeiten ausgestattet (auch dies wird in der Sutta Nipatta 607 betont). Aber nur durch die Einzigartigkeit in der Gleichheit ist Beziehung möglich. Die Grenzen der Individualität sind jedoch relativ (bedingt) und lösen sich mit dem Tod des Individuums auf. Was bleibt, ist die Kontinuität der Keimbahn, der Gene oder in buddhistischer Sicht das existenzenübergreifende Karma, das Wirken von Tatabsichten und Handeln…

 

Der Überlebenswille (der aus der Täuschung der Getrenntheit kommt) erzeugt Anhaftung und Ablehnung, aus denen die Welt des Leidens entsteht. Der von Buddha Shakyamuni angebotene Weg zur Befreiung beginnt sanft, ohne Gewalt, ohne Überrumpelung durch Riten und Gebräuche oder metaphysisch begründete Dogmen. Seine Lehre ist die „die am Anfang beruhigt, in der Mitte beruhigt und am Ende beruhigt“. Er passt die Gangart der Lehre den Lebensumständen der Menschen an. Für Mönche ganz steil, für Alltagsmenschen in allmählichen Spiralen zur Höhe, zur Offenheit, von den „harten Fakten“ der Realität hinweg in den Raum reiner Potentialität und unaussprechlicher Möglichkeiten. (Möglichkeiten, die jederzeit in Wirkeinheiten materialisiert „Fleisch werden“ können) Je offener Menschen anhand der Lehre werden, desto mehr sind sie an tiefem Glück und der Freude der Existenz interessiert und nicht an ihrem Leiden. Am Beginn also kein Aufruf zur Askese.

 

„So kann man in der Häuslichkeit

in hellem, inneren Frieden leben.

In dieser Welt dem andern lieb sein.

In jener frei von Kummer werden.

 

Den Leuten von Veludvara sagt der Buddha (Samyutta Nikaya 55/7): „Ich will euch eine Wegweisung geben, Hausväter, die euch so, wie ihr selber seit, weiterführt.“ Dann gibt er ihnen zunächst die fünf Silas, die grundlegenden Sittenregeln.

Um den vorher genannten Fallen zu entgehen, bietet der Dharma (84.000 Belehrungen!) zahlreiche Tore der Befreiung an; hier nur einiges Grundsätzliches:

  1. die Einsicht (aus achtsamer Kenntnis unserer angeborenen Neigung zu herrschen, zur Unterwerfung, charismatischen Persönlichkeiten nachzulaufen), das die „angeborenen Fallen“ unentwegt aktiv sind, so lange wir im Samsara leben.
  2. die ethischen Regeln kennen und im praktischen Leben wahren. Das gibt schon einen gewissen Schutz vor den „Fallen“.
  3. Abstand gewinnen, üben, die Position des nüchternen, klaren, vorurteilslosen Beobachters einzunehmen. Die Automatisierungen (Gewohnheiten) erkennen – vor allem durch Meditation.
  4. der Achtsamkeit den Stellenwert im Leben geben, den sie verdient (siehe „Die vierzehnTore der Achtsamkeit“ von Thich Nhat Hanh)
  5. tiefe Meditation, die zur wahren Sammlung führt, die auch die Wahrnehmung verändert und damit die Welt.
  6. die Einsicht, wie die Dinge wirklich sind: vergänglich, ohne beständiges Selbst, unvollendbar, leidhaft. Vermag man sich dies als Erfahrung zugänglich zu machen, können wir uns allmählich vom Anhaften und der Summe des Leidens befreien. Unsere angeborene Ausstattung ist auf die Sicherung des Überlebens ausgerichtet. So kann man füglich sagen: erst wenn das Überleben gesichert ist, kann man sich der Steigerung, dem „Mehr“ des Lebens zuwenden. Je besser die soziale Situation, desto mehr Freiheit gibt es für die spirituelle Entfaltung. Dies mag auch ein Grund gewesen sein, warum der Buddha Königen empfiehlt, die Armutsbekämpfung als vordringlich anzusehen. Die Bemerkungen aus Erich Fromms Werk wollen aufweisen, das Freiheit auch als Last, angstmachend erfahren werden kann und Fluchtmechanismen hervorruft, die sich der freien Entfaltung des Menschlichen entgegenstellen. Mit den Fallen und den Fluchtmechanismen ist implizit die Frage nach Motivationen aufgerufen, die bewussten und oft unbewussten Tatabsichten, die man nicht oft genug überdenken und tief kontemplieren kann

 

 

Ich nehme an, dass jeder Leser die facettenhafte, unvollständige Behandlung der Themen Freiheit und Befreiung merken wird, vor allem weil nicht der ganze Fächer der Lehre (Schulen, Methoden usw.) auch nur erwähnt wurde. Was vielleicht deutlich geworden ist: wir sind Mächten ausgesetzt, die in vielerlei Masken auftreten. Fürsorge z.B. kann Terror werden, Terrorismus ist oft die Maske von Angst, Hilflosigkeit und ungelebten Leben usf. Umso dankbarer müssen wir der Lehre Buddha Shakyamunis sein, der uns eine Freiheit vermittelt, die in dieser Welt einmalig ist. Wir müssen daher sehr achtsam sein, dass die hier zitierten „Fallen“ und „Fluchtmechanismen“ sich nicht in oft sehr subtilen Formen durchsetzen. Möge es euch gelingen, Frieden und Freiheit achtsam zu bewahren.

 

UPUL 11 Ende

 

Mögen alle Wesen glücklich sein.

 


 

Upul

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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