UPUL'S SUTTA COLUMNE 2004'3

 

Zur Einführung: Buddhas Lehre ist (nach M95) „Eine tiefe Lehre, nicht leicht zu verstehen, nicht leicht zu erkennen, still, erhaben, dem bloßen Denken allein nicht zugänglich, von feinster Genauigkeit, nur von Weisen erfahrbar.“ Der Anspruch ist hoch und mag so manchen abschrecken, aber der Buddha ist ein Meister der gestuften Belehrung. Die ihm zugeschriebenen Sutren (Lehren) sind an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit gehalten worden - für eine oft recht genau beschriebene Person oder Gruppe. Dabei orientiert sich der Buddha in unnachahmlicher Weise am Verständnisvermögen seiner Zuhörer und führt sie Schritt für Schritt zur Höhe des Begreifens, das er für sie angemessen hält. Dies gilt in erster Linie für die Sutren des Pali – Kanons, weniger für die sehr unfangreichen und hochkomplexen Mahayana – Sutren. (Im Vajayana kommt noch die Unterscheidung von Sutra und Tantra hinzu).

Die hier erstmals vorgestellte „Columne“ will versuchen dem Anliegen vieler Freunde nachzukommen auf sowohl bekannte, als auch weniger bekannte Sutren hingewiesen zu werden, wobei der Praxisbezug miteingewogen, bzw. als zweiter Teil angegliedert werden soll.

Kommentare sind immer subjektiv und werden nie den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, eher gelten sie als Denkanstöße, die zu einem weiteren Verständnis anregen sollen. Die Sutren können als Stütz- und Orientierungspunkte, Netze oder Landkarten gesehen werden, die Erfahrungen einerseits auffangen, andererseits aber auch anregen können. Ohne Praxis kein Dharma, ohne Kenntnis von Tradition und Schrifttum keine Aktualisierung der Überlieferung. Genau hinterfragt sind die meist vielschichtigen Texte kaum auszuschöpfen, da ihr immer neu zu vertiefendes Verstehen letztlich auf die unaussprechbare Erleuchtungserfahrung verweist. Jeder Text ist eine neue Facette des tausendfach geschliffenen Juwels des Dharmas, es gibt keinen Teil davon, der nicht das Licht des Ganzen in sich birgt. Möge es uns gelingen der Wahrheit Schritt um Schritt näher zu kommen.

Heute sei ein Thema aufgegriffen, das die Entfaltung der Lehre unter den Menschen von ihrem Anfang an begleitet. Mönch werden oder Laie bleiben? Der Buddha hat im Wesentlichen drei Menschengruppen angesprochen: Das sind die Mönche, die Hausväter, (die häufig Brahmanen waren und auch als Brahmanen angesprochen wurden) und die Samanas. Bikkhu was meist mit Mönch übersetzt wird, ist letztlich kaum übersetzbar. Gemeint ist damit am ehesten ein hausloser Wanderer, der nur zur Regenzeit ein festes Dach benützte. Die Laien werden vom Buddha oft als Brahmanen apostrophiert, was schon zu Buddhas Zeiten ein Geburtsstand war, also nicht bloß Priester, sondern auch andere Berufe umfassend. Buddha hat die Vorrechte der Brahmanen bekämpft und wollte andererseits nur edle und würdige Leute als Brahmanen gelten lassen. Zwischen ihnen und den als „Hausvater“ Angesprochenen müssen wir wohl gleitende Grenzen annehmen. Oft werden in den Reden auch Samanas angesprochen: Asketen, also Menschen, die das weltliche Leben verlassen haben und das Heil in strengen Übungen suchen. Das hier auszugsweise vorgestellte Sutra beantwortet Fragen einer Gruppe von Hausvätern (Brahmanen). Dieses Sutra ist mit der Zahl F55,7 gekennzeichnet. Es entstammt der Samyutta Nikaya, der so genannten „gruppierten Sammlung“ der Texte. Der Titel lautet: Die Leute von Veludvára.

Auf seiner Wanderung durch das Land Kosala kommt der Buddha durch ein Brahmanendorf namens Veludvára. Den Menschen dort ist Gotamo wohl bekannt. Es geht ihm ein wunderbarer Ruf voraus: „Er ist der Erhabene, Geheilte, vollkommen Erwachte, der im Wissen und Wandel vollendete, zum Heil gekommene, der unübertroffene Lenker“…u. s. f.

Die Hausväter begeben sich zum Buddha und begrüßen ihn ehrfürchtig und sprechen so: „Herr Gotamo wir haben den Wunsch, den Willen und das Bestreben ein häusliches Familienleben zu führen,… uns an Geld und Gut zu erfreuen und nach dem Absterben des Körpers jenseits des Todes möchten wir eine gute Lebensbahn gehen, in himmlischer Welt wiedererscheinen. Herr Gotamo, zeige uns, die wir den Wunsch und Willen und dieses Bestreben haben, eine Lehre, dass wir jenes erlangen.“

Der Buddha antwortet: „ Ich will euch eine Lehrweisung geben, die euch so, wie ihr selber seid weiterführt ….

Welches ist die Lehrdarlegung, die euch weiter führt, wie ihr selber seid?“
Da überlegt einer, der den Weg gehen will: „Mir ist mein Leben lieb, ich will nicht sterben, ich will Wohl und schrecke vor Schmerz zurück. Würde mir jemand das Leben rauben, so wäre mir das nicht lieb und nicht recht. Wenn aber nun ich einen Anderen, dem sein Leben lieb ist, der nicht sterben will….das Leben rauben würde, das wäre ihm nicht recht. Denn wenn es mir nicht recht ist, dann ist es wahrlich auch dem Anderen nicht recht. Was mir nicht lieb und nicht recht ist, könnte ich das einem Anderen antun? Wenn er sich das richtig überlegt, dann widerstrebt das Töten seinem Wesen, er hält auch andere vom Töten ab, er redet dem Abstehen vom Töten das Wort. So ist die rechte Lebensführung im Handeln. Darüber ist er sich endgültig und vollkommen klar geworden.“ In gleicher Weise handelt das Sutra dann das Nichtnehmen von nicht Gegebenen (stehlen), die falschen Geschlechtsbeziehungen (eheliche Untreue), das Lügen, das Hintertragens von entzweienden Nachrichten und die verletzende Rede ab. Er redet vom Abstehen von oberflächlichem Gerede und leerem Geschwätz das Wort: „So ist die richtige Lebensführung im Reden darüber ist er sich endgültig und vollkommen klar geworden. Der ist beim Buddha zu der endgültigen befriedenden Klarheit erwachsen: Das ist wahrhaftig erhaben, vollkommen Erwachte …
Bei der Lehre ist er zu der endgültigen befriedenden Klarheit erwachsen: Wohl verkündend ist die Lehre unmittelbar einleuchtend, zeitlos, sie lädt ein: „Komm und sieh selbst…“
Bei der Gemeinde: „Recht nachgefolgt ist beim Erhabenen die Gemeinde, offen und gerade, sie führt das wahre Leben…
Das Beste Feld in der Welt, um Verdienst zu erwerben.“

„Erwachsen ist er zu den Tugenden, wie sie den Anhängern wert sind, den Unzerstückelten…aus der Sklaverei befreienden, von Verständigen gepriesenen, an denen man nicht festhängt, sodass sie zur Herzensreinigung führen. Sobald ein Schüler (Upasaka/Upasika) zu den rechten Eigenschaften und den über Zweifel erhabenen Zuständen erwachsen ist, so kann er, wenn er will bei sich selber feststellen: „Endgültig ausgelöscht ist für mich Hölle, endgültig ausgelöscht ist der Tier - Schoß, endgültig ausgelöscht Gespensterreich, den Daseinsabgründen bin ich nicht mehr ausgesetzt. Ich bin in die Heilsströmung eingetreten und gehe unumkehrbar dem vollen Erwachen entgegen.“ Auf diese Rede hinnehmen die Hausväter Zuflucht beim Buddha und wollen als Laienschüler des Buddha angesehen werden.

Kommentar: Das Sutra wird in eine Zeit gestellt, in der der Erhabene in seiner Bedeutung schon erkannt und hoch geschätzt ist, sodass die Bewohner des Dorfes nicht zweifelnd, sondern voll Vertrauen, sich an ihn wenden. Ihr Wunsch ist es einen Weg gewiesen zu bekommen, wo sie selbst im Wesentlichen so bleiben können, wie sie sind und dennoch einer nach-tödlichen Seligkeit teilhaftig werden können. Der Buddha antwortet nicht ethisch predigend, oder negierende Anweisungen gebend (so sollt ihr, so sollt ihr nicht), sondern sagt bloß: „Ich gebe euch eine Lehre, die euch so, wie ihr seid, weiterführt. So sind die Leute von Veludvára in ihrem Sosein akzeptiert. Der Buddha macht jedem klar, dass die Selbstliebe der Ausgangspunkt für die Liebe und das Verstehen des Anderen ist. Dies ist eine Orientierung, die Analoga hat, zur goldenen Regel (Was du nicht willst, dass man die tu, füge keinem Anderen zu.) aber auch zum kategorischen Imperativ des Immanuel Kant. Der Buddha macht auch klar, wenn ich selber zur Tugend komme, wird in mir der Wunsch wach, dass Andere sich auch so verhalten möchten, das heißt die Arbeit an mir selbst kommt auch Anderen zugute. Wenn einer so zu überlegen beginnt, kommt der Spruch zum Tragen: „Was der Mensch häufig bedenkt und sinnt, dahin wird das Herz geneigt.“ Sobald klar geworden ist, dass das Wohlwollen mir selbst gegenüber Quelle des Wohlwollens dem Anderen gegenüber ist, bin ich ganz nahe an Metta der nicht messenden Liebe. Und noch etwas regt Buddha, unausgesprochen an: „Es geht nicht nur darum aus einer Welt der Sinnenfreude in eine andere Sinnenfrohe zu gehen, sondern es geht um mehr: „Wenn die Leute von Veludvára konsequent den gewonnenen Einsichten folgen, können sie in die Heilsströmung eintreten. (Vor allem auf Grund der „Samen oder Keime“, die fast unmerkbar in den Darlegungen des Buddha enthalten sind). Das „Mehr“ um das es (nicht nur hier) geht ist eigentlich ein progressives Lassenkönnen, ein Lassen all dessen, was mit Gier, Hass und Wahn verbunden ist. Die rechte Einsicht, die die Bewohner von Veludvára gefunden haben veranlasst sie zum ersten Schritt auf den Pfad zur Befreiung: Sie nehmen Zuflucht und werden Schüler des Buddha. Lässt man den Text auf sich einwirken, wird meines Erachtens ein Stufenaufbau deutlich, der sehr sich mehr oder minder zwangläufig aus dem ersten Schritt, den der Buddha anregt, entwickelt. Die rechte Einsicht (in die Sila) führt zum rechten Entschluss; als Konsequenz heißt das auch: ich bin in die Heilsströmung eingetreten und gehe unumkehrbar dem vollen Erwachen entgegen. Man kann dies auch so verstehen: „Wer dem Buddha – Dharma einmal begegnet ist, kommt, auch wenn er sich immer wieder verirrt auf ihn oder zu ihm zurück, denn er ist die beste Verkörperung von Wahrheit und Freiheit, die den Menschen je gegeben wurde.

Anregungen zur Praxis:
(siehst du andere oder noch mehr in dem Sutra, bitte schreiben!)

1.            Der Buddha sagt nicht, eure Freude an den Sinnen ist falsch oder schlecht. Freude ist ganz wichtig (Piti, Sukkha...) s.a. 3)
Kontempliere: Wie ist es mit der Freude in meinem Leben? Was genau macht mir Freude? Kleine Dinge, große Dinge? Aber auch: Mitfreude, Schadensfreude?

2.            Wenn ich in den Spiegel schaue: Ist da Wohlgefühl und Wohlwollen? – Oder ? Wie gelingt es dir dem Spiegelbild nette oder gar liebe Worte zu sagen? Bist du in dir selbst ein warmes Zuhause, das Wärme abgeben will (kann)?

3.            Wahre, tiefe Freude kann nur auf dem sicheren Boden der recht erfüllten Silas gedeihen. Meditiere dies tief.

4.            Sind mir die drei Juwelen wirklich Halt, Leit- und Vorbild? (Alle drei in einer guten Balance?)

5.            Kontempliere: Das „Mehr“ im Dharma ist nicht „Anhäufen von“, sondern lassen können. (Über die Bedeutung von Shunyata ein andermal.)

Bis zum nächsten Rundbrief viel Freude, viel Glück


U p u l

 

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