Arthur Schopenhauer wurde am 22.2. 1788 in Danzig als erstes Kind des Großhandelskaufmanns und Hofrates Heinrich Floris Schopenhauer und seiner Ehefrau Johanna Henriette, geb. Trosiener geboren . Er starb am 21.9. 1860 in Frankfurt/M. - Am 3. März 1788 protestantisch getauft, verbringt S. die ersten 5 Jahre seiner Kindheit auf den Landsitzen in Oliva und Stut(t)hof. Die Annexion Danzigs durch Preußen veranlaßt den republikanisch gesonnenen Vater zur Übersiedlung nach Hamburg (Ende März 1793), wo er ein Handelsgeschäft gründet, dessen geschäftliche Stellung Kontakte u.a. zu Klopstock, Baron Staël - Holstein, Dr. Reimarus, dem Sohn von H. Samuel Reimarus, und dem Maler J.H.W. Tischbein ermöglicht. Nach der Geburt der Tochter Luise Adelaide Lavinia (Rufname: Adele) am 12.6. 1797 nimmt der Vater den Sohn mit auf eine Reise über Paris nach Le Havre, um ihn dort in der Absicht, ihn zu einem `tüchtigen Kaufmann' ausbilden zu lassen, dem befreundeten Geschäftsmann Grégoire de Blésimaire für zwei Jahre (Sommer 1797 - Sommer 1799) anzuvertrauen (`Mein Sohn soll im Buche der Welt lesen.'). Von Sommer 1799 bis zum Frühjahr 1803 besucht S. die Hamburger `Privaterziehungsanstalt' unter der Leitung von Dr. Joh. Heinrich Christian Runge, unternimmt gelegentliche Reisen mit seinen Eltern nach Karlsbad, Göttingen, Weimar, Berlin, Dresden und Jena (1800) und darf gegen das Versprechen, sich `nachher ganz dem Kaufmannsstande zu widmen', seine Eltern auf einer Reise (Mai 1803 - August 1804) durch die Niederlande, England (in Wimbledon Besuch einer als `bigot' geschmähten `boarding school'), Belgien, Frankreich (wahrscheinlich Dezember 1803 Besuch des Louvre), Schweiz (hier Besteigung des `erhebenden' Pilatus) und Österreich begleiten. Die die `Vergänglichkeit' bekundenden Ruinen des Amphitheaters in Nîmes, die revolutionären Exekutionsplätze in Lyon und bes. das `Bagno' (Gefängnis für ca. 6000 Galeerensklaven) in Toulon (April 1804) lassen S. so `vom Jammer des Lebens... ergriffen' sein `wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Während eines kurzen Zwischenaufenthaltes in Danzig (September bis Dezember 1804) wird S. in der Marienkirche konfirmiert, kehrt nach Hamburg zurück, um (Januar 1805 bis Frühjahr 1807) bei dem Großkaufmann und Senator Jenisch in die Lehre zu gehen, deren Bedrückung er durch den Besuch von Vorlesungen in Theologie bei Dr. Runge und Phrenologie bei F.J. Gall auszugleichen sucht. In dieser Zeit beginnt S. seine überlieferten `Frühesten Aufzeichnungen' (1804-1818), in denen sich Motive seiner späteren Philosophie (Lebenslust u. Verzweiflung, Philistertum und Genialität, `platonische' Tiefe und `aristotelisch-wissenschaftliche Oberflächlichkeit') zu entwickeln beginnen. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters (wahrscheinlich Selbstmord) am 20.4. 1805 löst sich der Hausstand der Schopenhauers auf: die Mutter Johanna zieht mit ihrer Tochter Adele am 21.9. 1806 nach Weimar, um hier in der erwünschten Nähe der `ersten Köpfe' (u.a. Goethe, Christoph Martin Wieland, Zacharias Werner, Fürst Pückler) regelmäßig zu Tee- und Abendgesellschaften einzuladen. Im März 1807 steht für S. fest, entgegen den väterlichen Vorstellungen nicht Kaufmann zu werden, sondern zu studieren; deswegen besucht er Gymnasien in Gotha (Juni bis Dezember 1807) und Weimar (Januar 1808 bis Herbst 1809), sieht u.a. im September 1808 auf dem Fürstenkongreß zu Erfurt Napoleon.
Mit der Volljährigkeit (22.2. 1809) erhält S. seinen Erbteil, so daß er sich am 9. Oktober 1809 in Göttingen als stud. med. immatrikuliert, hört Vorlesungen u.a. bei dem Anatomen Joh. Friedr. Blumenbach, dem Mathematiker Bernh. Friedr. Thibaut und dem Philosophen Gottlob Ernst Schulze, der S.'s Interesse auf Platon und Kant richtet, so daß er im Sommersemester 1810 entschlossen ist, sich ausschließlich der Philosophie zu widmen (`Das Leben ist eine mißliche Sache, ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken'. Vom Herbst 1811 bis zum Frühjahr 1813 studiert S. in Berlin Philosophie. Befremdet durch die anti-napoleonische, patriotische Erhebung, die ihm die Affinität von Vernunft und ungenialischer Philiströsität zu belegen scheint, zieht Schopenhauer sich nach Rudolstadt (Gera) in das Gasthaus `Zum Ritter' zurück (Juni bis Oktober 1813), um seine Dissertation `Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde' zu schreiben, mit der er in absentia um 2.10. 1813 in Jena promoviert wird. Während eines Aufenthaltes in Weimar wird er durch den Orientalisten und Indologen Friedrich Majer mit den `Upanishaden' vertraut, die ihm zum `Trost seines Lebens' werden. S. zeigt sich kritisch gegenüber den im Dt. Idealismus unternommenen Versuch Vernunft u. Geschichte und Natur und Geschichte zu versöhnen, er entwertet ihn zu einer traumähnlichen Scheinwelt, die er später religiös als den (buddhistischen) ‚Schleier der Maja' bezeichnet. Wegen Spannungen mit seiner Mutter verlässt S. Weimar, lebt von Mai 1814 bis September 1818 in Dresden, und intensiviert dort sein Studium der `Upanishaden' (`Ich gestehe, daß ich nicht glaube, daß meine Lehre je hätte entstehen können, ehe die Upanishaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten'). Im Mai 1816 (2. Auflage, leicht modifiziert, 1854) erscheint die als Weiterentwicklung von Goethes Farbenlehre konzipierte Schrift `Über das Sehn und die Farben'. Nach 4 Jahren beendet S. im März 1818 sein `Hauptwerk' `Die Welt als Wille und Vorstellung, das im Dezember 1818 mit der Jahreszahl 1819 erscheint (von den 750 Exemplaren sind nach ca. 1 Jahr nur 100 verkauft). Im Oktober 1818 tritt S. eine achtmonatige Italienreise an, die er wegen vermögensrechtlicher Probleme mit seiner Mutter qzaetmenabbricht.
Mit der Absicht endlich ein praktischen Leben zu führen, möchte S. die ‚venia legendi' an der Berliner Universität erwerben. Am 23.03.1820 hält S. die Probevorlesung ‚Über die vier verschiedenen Arten der Ursache' im Beisein Hegels, danach fallen noch 2 Vorlesungen im selben Semester hinein. Die Erste heisst ‚Declamatio in landum philosophiae' und die Zweite `Vorlesung über die gesammte Philosophie, d.i. Die Lehre vom Wesen der Welt und von dem menschlichen Geiste'. entwickelt - didaktisch zusammenhängend - die Grundgedanken des S.'schen Hauptwerkes aus dem Jahre 1818: die erkenntnistheoretische Reflexion relativiert die Wirklichkeit auf das `vorstellende' (erkennende) Subjekt (die Welt als - anschauliche und abstrakte - Vorstellung), das in der `unmittelbarsten', leiblich vermittelten Selbsterkenntnis sich prä-logisch als `Wille' gegeben ist (Welt als Wille = Metaphysik der Natur) als dem `Realsten' (dem Ding an sich), dessen Bedeutung in einer Ästhetik (Metaphysik des Schönen) und Ethik (Metaphysik der Sitten) entfaltet wird. Der z.T. an Berkeley, besonders an Kant orientierte transzendentalphilosophische Nachweis der Konstitution des (`vorgestellten') Objektes aus den Bedingungen des er - und begründenden Subjektes (`die Welt ist in uns' und deswegen Erscheinung, d.h. Schein) wird ergänzt durch eine komplementär notwendige Theorie der `Grundlosigkeit' des Willens (`wir sind in der Welt' und deswegen ein `Häuflein Asche'). Diese Ansicht wird im Kapitel ‚Schopen hauer s Verhältnis zu Kant und Berkeley' näher erläutert. Die an Platons Ontologie (die Welt der Relation, des Werdens, der `Endlichkeit' gegenüber der des wesentlichen Seins) gewonnene Dualität von Ansichsein und Erscheinung bildet den Hintergrund für S.'s Differenzierung der Betrachtung der Wirklichkeit: die dem `Satz vom Grunde' nachgehende Betrachtungsart des Aristoteles (extensiv - unendliche Suche nach Gründen auf der oberflächlichen Außenseite der Erscheinungswelt) und die `geniale' des Platon (intensiv - augenblickliche Schau in den `tiefen Grund' und die Innenseite der Erscheinungswelt). Der (verständige) `Leitfaden des Satzes vom Grunde' erstellt einen Wirklichkeitszusammenhang (`Grundgewebe'), der dem Ansichsein der Welt fremd und äußerlich bleibt. S. glaubt so, seinen Anspruch der Rechtfertigung der archaischen Weisheit der Upanishaden eingelöst, die Affinität von vorgestellter Wirklichkeit und `Traum' (Brahmanismus, Buddhismus als Antizipationen des `transzendentalen Idealismus') bewiesen und die ephemere Phänomenalität der Erscheinungswelt (`ein Zauber', `an sich wesensloser Schein', `ein Etwas, davon es gleich falsch und gleich wahr ist, zu sagen, daß es sei, als daß es nicht sei') nahegelegt zu haben. S.'s Philosophie ist die Publizität zunächst nicht vergönnt: seine bis zum Wintersemester 1831/32 angekündigten Vorlesungen an der Universität in Berlin können nur vereinzelt abgehalten werden, weil die von ihm provokativ gesuchte Konkurrenz mit Hegel sich als Mißerfolg erweist. Auch die ersten Rezensionen des S.'schen Hauptwerkes (u.a. Friedrich Ast 1819, Eduard Beneke 1820, J.F. Herbart 1820, W.T. Krug 1821, Jean Paul 1825) bleiben unbeachtet. Schopenhauer ist enttäuscht von der `Fabrikware Mensch', der die `ruchlose' Denkungsart des Hegel'schen Panlogismus (`was wirklich ist, ist vernünftig...') bevorzugt. Im Mai 1829 bietet er dem Verleger Brockhaus eine erste Übersetzung von Balthasar Gracians 1653 erschienenem `Oraculo manuel y arte de prudencia' unter dem Pseudonym Felix Treumund an, die aber erst 1862 posthum erscheinen wird. In dieser Zeit (ca. 1830/31) entsteht die Abhandlung `Eristische Dialektik', und im September beginnt S. sein Manuskriptbuch `Pandectae'.
Vor der ausbrechenden Cholera, der am 14.11. 1831 sein Gegenspieler Hegel erliegt, flieht S. nach dem `cholerafesten' Frankfurt/Main, wo er bis auf einen Zwischenaufenthalt in Mannheim (Winter 1832/33) bis zu seinem Tode wohnt. Da Brockhaus angesichts des Mißerfolges des Hauptwerkes eine Neuauflage ablehnt (1835), läßt S. seine als Zusätze zum II. Buch der `Welt als Wille und Vorstellung' entworfenen Betrachtungen 1836 nach einem 19-jährigen `Schweigen der Indignation' unter dem Titel `Ueber den Willen in der Natur' bei dem Frankfurter Verleger S. Schmerber erscheinen. S. sendet Ende 1838 als Antwort auf die von der Königlich-Norwegischen Gesellschaft der Wissenschaft gestellten Preisfrage (`Läßt sich die Freiheit des menschlichen Willens aus dem Selbstbewußtsein beweisen?') seine Abhandlung `Ueber die Freiheit des menschlichen Willens' ein, die am 26.1. 1839 den 1. Preis erhält (ein erster Erfolg für S.), während seine Schrift `Ueber die Grundlage der Moral' von der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften am 30.1. 1840 abgelehnt wird (u.a. deswegen, weil `mehrere der hervorragendsten neueren Philosophen auf so unziemliche Art erwähnt sind, daß es gerechten und schweren Anstoß erregt.') Beide Abhandlungen läßt S. im September 1840 (Jahreszahl 1841) in der Johann Christian Hermann'schen Buchhandlung unter dem Titel `Die beiden Grundprobleme der Ethik' erscheinen. Im Jahre 1844 erscheint eine nahezu unveränderte Neuauflage des S.'schen Hauptwerkes neben einer einbändigen Ergänzung wiederum bei Brockhaus, und 1847 wird S.'s Dissertation um zweiten Male aufgelegt. Langsam erhöht sich S.'s Popularität, die gleichzeitig mit dem Niedergang der Hegel'schen Philosophie erfolgt, da die Skepsis gegenüber spekulativ-begrifflichem Denken (besonders in der sogenannten Naturphilosophie) und der Ruf zurück zu Kant, seine Philosophie begünstigt. Mit dem 1851 veröffentlichten Werk ‚Parerga und Paralipomena', was das letzte Werk S.'s ist, gelingt es ihm eine hohe Popularität zu erreichen. Die im Parerga enthaltenen ‚Die Aphorismen zur Lebensweisheit' werden zum Katechismus des gebildeten Bürgertums des 19.Jh, die Hauptgedanken des Werkes drücken das Gefühl des Lebensleides aus, doch meint S., dass der Mensch das Maximum herausholen sollte, was sich ihn bietet, da das Leben zwar als ein Spiel angesehen werden kann, man aber kein Spielverderber sein sollte. Jedoch man es auch nicht zu schwer nehmen. Die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848-1851 lassen S. nur als kommentarlosen Zuschauer erscheinen, denn er lebte in seiner Philosophie, und sein Wahlspruch war ‚ich danke Gott an jedem Morgen, daß ich nicht brauch' für's Röm'sche Reich zu sorgen'. Am Ende seines Lebens wird seine Philosophie von vielen gewürdigt und er persönlich wird bewundert ( wie von Richard Wagner, Elisabeth Ney,...), doch Schopenhauer verschliesst sich gegenüber den Veränderungen, denn er lebte für seine Philosophie. Sie war als Ganzes schon mit ‚Die Welt als Wille und Vorstellung' fertig, seine späteren Werke waren Verbesserungen des einen Systems, seines einzigen Lebenswerkes. August 1860 erkrankt S. an Erstickungsanfällen (Atembeschwerden, Herzklopfen, Schwächeanfall), am 9. September an einer Lungenentzündung und verstirbt am 21. September infolge eines Lungenschlages. Am 26. September wird er auf dem Städtischen Hauptfriedhof Frankfurt beigesetzt. 1911 gründet Paul Deussen, ein Mitschüler Nietzsches, die ‚Schopenhauer Gesellschaft', die ab 1936 von Arthur Hübscher als Vorsitzenden geführt wird.